Tötungsdelikt oder Totgeburt? Nach dem Fund der Babyleiche bei Knesebeck ermittelt Polizei mit Hochdruck

Ein Baby, weggeworfen wie Abfall: "Werde den Anblick nie vergessen"

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Ermittler der Gifhorner Kripo gestern Mittag an der Stelle, an der der tote Säugling am Samstag entdeckt worden war.

Knesebeck. Eine Gruppe von Müllsammlern hat am Samstagvormittag südlich von Knesebeck einen toten Säugling entdeckt. Der Junge lag in einer Plastiktüte auf einem Haufen aus Grünabfällen, direkt neben dem so genannten Celler Weg, der von der K 29 nach Vorhop führt.

Es war gegen 10.45 Uhr, als vier Sammler, sie waren für die Aktion "Sauberer Landkreis" unterwegs, um den Knesebecker Friedrich-Wilhelm Kirchhoff sich dem Haufen an einer kleinen Wegekreuzung näherte.

„Werde den Anblick nie vergessen“: Friedrich-Wilhelm Kirchhoff.

Mit Kirchhoff unterwegs: drei Flüchtlinge, die der 72-Jährige für die landkreisweite Aktion begeistern konnte; zwei Syrer und ein Afghane. Einer der beiden Syrer, ein 15-Jähriger, griff nach der blau-weißen Supermarkttüte und zeigte sie den anderen. „Wir hielten den Inhalt zuerst für Fleisch und dachten schon daran, es zu vergraben“, berichtet Kirchhoff. Doch dann hätten sie die Tüte ausgeschüttet: „Und da merkten wir, dass es sich um ein totes Kind handelt.“

Eine Viertelstunde später war die Polizei da und sperrte den Fundort ab. Die Sammelaktion war für Kirchhoff und seine drei Begleiter beendet. Ein Hubschrauber kreiste über dem Gebiet, die Nachricht von dem Fund verbreitete sich im Ort und sorgte für Entsetzen unter den Knesebeckern.

Die Ermittler brachten den toten Säugling in die rechtsmedizinische Abteilung der Medizinischen Hochschule Hannover, wo der Leichnam am Samstagabend obduziert wurde. Wie die Polizei gestern bekannt gab, konnten aufgrund der fortgeschrittenen Verwesung des Körpers weder die Todesursache noch der genaue Todeszeitpunkt bestimmt werden. „Da die Obduktion keine genauen Ergebnisse geliefert hat, wird nun eine komplexe Gewebeuntersuchung stattfinden“, erläuterte der Gifhorner Polizeisprecher Thomas Reuter. Mit schnellen Ergebnissen sei nicht zu rechnen: „Die Auswertung dieser Untersuchung wird mindestens vier Wochen in Anspruch nehmen.“

Durchfahrende Autos wurden angehalten, die Fahrer befragt.

Der Fundort an dem Wirtschaftsweg ist Reuter zufolge unter Ortsansässigen als illegaler Müllablageplatz bekannt. Schon früher seien dort Fernseher oder anderer Unrat entsorgt worden. Der Knesebecker Ortsbürgermeister Heinz-Ulrich Kabrodt sagte gestern, er könne sich nicht vorstellen, dass der Verantwortliche für die Tat aus dem Ort selbst stammt: „So etwas macht man eigentlich nicht vor der eigenen Haustür.“

Hoffnung ruht auf DNA-Spuren  

„Ist eine Frau bekannt, die in der letzten Zeit schwanger war und anschließend nicht mit einem Baby gesehen wurde?“ Das ist eine der beiden zentralen Fragen, mit denen die Gifhorner Kripo nun nach Hinweisen zum Fund des toten Säuglings bei Knesebeck sucht.

Die Ermittlungsarbeit der Polizei lockte gestern Kamerateams nach Knesebeck. Durchfahrende Autos wurden angehalten, die Fahrer befragt.

Die vier Müllsammler um den Knesebecker Friedrich Wilhelm Kirchhoff, die den Leichnam am Samstagvormittag entdeckten,  waren eins von unzähligen Teams, die landkreisweit in 63 Orten an der Aktion „Sauberer Landkreis“ teilnahmen. Der grausige Fund sprach sich im Ort bald herum. IK-Redakteur Paul Gerlach, der in Knesebeck beim Müllsammeln mitmachte, war so am Mittag am Ort des Geschehens. Die Polizei hatte da ihre Ermittlungsarbeit schon aufgenommen und die Fundstelle abgesperrt.

Nach ersten Erkenntnissen der Rechtsmedizin lag der Leichnam des Säuglings etwa zwei bis vier Tage in der Plastiktüte. Die Polizei sucht derweil nach Hinweisen zu auffälligen Beobachtungen, die bis zum 17. Februar zurückreichen – das soll auch den Zeitraum abdecken, in dem möglicherweise der oder die Verantwortlichen die Örtlichkeit erkundet haben.

Noch am Samstag wurde eine spezielle Ermittlungsgruppe – mit einer zweistelligen Zahl Beamter – eingerichtet, die sich nur mit dem Fall befassen soll. Das vordringlichste Ziel: die Suche nach der Mutter bzw. den Eltern des Säuglings.

Dabei helfen sollen vor allem DNA-Spuren an der Tüte, die nun in akribischer Kleinarbeit abgeglichen werden. Auch die Nabelschnur ist noch erhalten. „Wir recherchieren jetzt, welche Frauen in dem Zeitraum schwanger waren, sprechen mit Frauenärzten und den Mitarbeitern in Krankenhäusern“, so Polizeisprecher Thomas Reuter. Mit Zeugen aus der vierköpfigen Sammelgruppe wurde gestern die Fund-Szene an der kleinen Feldweg-Kreuzung südlich von Knesebeck noch einmal nachempfunden. Autofahrer, die die Stelle passierten, wurden gefragt, ob sie regelmäßig dort vorbeikommen und Hinweise geben können.

In Sichtweite zum Ort: Auf diesem Haufen Grünabfall fanden Müllsammler die Babyleiche.

Fragen, die die Ermittler beantworten müssen: Waren neben der Mutter/den Eltern noch andere Personen beteiligt? Stammt der Säugling aus einer Nordkreis-Familie oder ist der Leichnam von Auswärtigen entsorgt worden? Steckt hinter dem Fall ein Tötungsdelikt? Und wenn ja: Ist der Fundort der Tatort? Oder handelte es sich um eine Totgeburt? Die Antwort auf die letzte Frage ist entscheidend für die strafrechtliche Bewertung des Falles. Wurde der tote Säugling „nur“ unsachgemäß entsorgt – vielleicht von einer Mutter in einer psychischen Extremsituation –, kommt möglicherweise lediglich eine Ordnungswidrigkeit in Betracht.

Der moralische Schaden geht freilich schon jetzt weit darüber hinaus. Ein totes Kind, seit Tagen auf einer Art riesigem Komposthaufen aus Laub und geschreddertem Holz, in Sichtweite zum Ort – das hat viele Knesebecker tief berührt. Die Polizei geht die Sache ihrer Aufgabe gemäß professionell an, doch auch Reuter sagt: „Alle ermittelnden Beamten sind geschockt. Gerade die Tatsache, dass es sich um eine Babyleiche handelt, hat nochmal eine ganz andere Qualität.“

Vor allem aber war es ein Schock für die Sammelgruppe um Friedrich-Wilhelm Kirchhoff. Der berichtet, die drei Flüchtlinge hätten in ihren vom Krieg zerrütteten Heimatländern zwar viel anderes Schlimmes mit ansehen müssen, ein totes Baby in einer Plastiktüte sei aber nicht dabei gewesen. „Nächstes Jahr“, so Kirchhoff, „wollen die drei nicht wieder mitsammeln.“ Von sich selbst sagt der 72-Jährige: „Den Anblick werde ich nie mehr vergessen.“

Hinweise zu dem Fund des Baby-Leichnams an die Polizei in Gifhorn, (05371) 980-427, oder an jede andere Polizeidienststelle.

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