Strauss-Kahn soll ein Alibi haben

New York - Wollte IWF-Chef Strauss-Kahn ein Zimmermädchen vergewaltigen? Oder traf er zum angeblichen Tatzeitpunkt seine Tochter zum Essen? Die Affäre um den IWF-Chef entwickelt sich zum rätselhaften Krimi.

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48 Stunden zuvor war er noch einer der mächtigsten Männer der Welt und heißer Kandidat für das französische Präsidentenamt. Jetzt sitzt Dominique Strauss-Kahn in Haft, weil er ein Zimmermädchen überfallen haben soll. Am Montag wurde er in New York einem Richter vorgeführt.

Der graue, verregnete Himmel über New York dürfte dem Gemütszustand von Dominique Strauss-Kahn entsprochen haben. Übermüdet und verbittert wirkte er, als er im Manhattan District Court auf seine Anhörung wartet. Die mehr als 100 Reporter vor dem Gericht bekamen den Franzosen am Montag allerdings erstmal nicht zu Gesicht.

Schon früh war der 62-Jährige in das Gericht gebracht worden, um vor einem Richter mit den Vorwürfen konfrontiert zu werden: Versuchte Vergewaltigung, sexueller Missbrauch und Nötigung während eines Angriff auf ein Zimmermädchen. Strauss-Kahns Anwälte plädierten auf nicht schuldig.

Strauss-Kahn nahm am späten Vormittag New Yorker Zeit auf einer Bank im Gerichtssaal Platz und wartete darauf, dass sein Fall aufgerufen wird. Vor dem Gebäude standen Dutzende Kamerateams, drinnen saßen neben Strauss-Kahn mutmaßliche Drogendealer und andere Verdächtige. Am Montag gab es immer mehr Details in dem Fall und immer mehr schälten sich zwei unterschiedliche Versionen heraus.

Die eine stammt vom Opfer, einem 32 Jahre alten Zimmermädchen. Der Polizei sagte sie, dass sie am Samstag gegen 13.00 Uhr gegen die Tür der 3000 Dollar teuren Suite des Luxushotels Sofitel am Times Square geklopft und “Housekeeping“ (Zimmerservice) gerufen habe. Als niemand antwortete, habe sie wie üblich bei offener Tür das Zimmer aufräumen wollen, als sie einen nackten Mann überraschte. Eine Entschuldigung murmelnd wollte sie gehen, doch der Unbekannte habe die Tür geschlossen, sie aufs Bett geworfen und Oralsex gefordert. Nur mit Mühe habe die aus Afrika stammende Frau vor dem Unbekannten fliehen können.

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Doch so unbekannt war der Mann nicht. Es soll Dominique Strauss-Kahn gewesen sein, Chef des mächtigen Weltwährungsfonds und führender Kopf beim Kampf gegen Finanz- und Eurokrise. Dessen Anwälte - darunter Benjamin Brafman, der schon Michael Jackson und Rapper P. Diddy vertrat - sehen die Vorgänge ganz anders. Zur Tatzeit sei der Franzose mit seiner Tochter essen gewesen und danach gleich zum Flughafen gefahren.

Erst da treffen sich die Geschichten wieder: Nur Minuten vor dem Start wurde Strauss-Kahn aus der Ersten Klasse eines Air-France-Fluges geholt und zum Verhör nach East Harlem gebracht. Alle Seiten halten sich bedeckt. Die Ermittler sind sparsam mit Details und selbst die Anwälte, die sich sonst gern Reportern zeigen, begnügten sich am Montag vorerst mit Floskeln.

Hinter den Türen liefen die Ermittlungen auf Hochtouren. Insbesondere DNA-Spuren Strauss-Kahns könnten die Sache entscheiden: Wenn es tatsächlich einen kurzen Kampf gegeben hat, bei dem die Frau verletzt wurde, müssten sich zum Beispiel unter den Fingernägeln oder auf der Haut Spuren des jeweils anderen finden. Wenn die Ermittler das bestätigen, würde es eng für den Mann, der im nächsten Jahr für die Sozialisten Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy aus dem Amt jagen sollte.

Anhänger des Franzosen und dessen sozialistischer Partei glauben schon an eine Verschwörung. Ist der für seine Affären bekannte Strauss-Kahn etwa in eine Falle gelaufen? Sogar die Tat selbst wird in Frage gestellt. Dass der größte Feind von “DSK“ Strauss-Kahn selbst ist, sagte vor nicht einmal drei Wochen einer, der es wissen muss: Dominique Strauss-Kahn selbst meinte in einem Interview mit der “Libération“, dass seine Schwächen “Geld, Frauen und meine jüdische Herkunft“ seien. Das könnten sich seine Feinde zu nutze machen. Ein Problem sah er offenbar nicht: “Ja, ich liebe Frauen. Na und?“

Die Tatsache, dass der 62-Jährige dem Judentum angehört, ist im laizistischen Frankreich nie weiter thematisiert worden. Sein Verhältnis zum Geld und zum weiblichen Geschlecht dafür umso mehr. Nach den Vorwürfen, Strauss-Kahn habe in New York versucht, ein Zimmermädchen zum Oralverkehr zu zwingen, werden in Frankreich weitere Affären wieder aufgekocht.

Strauss-Kahn hat schon mehrere Affären überstanden, bei denen es um politische Kungeleien, aber auch um außereheliche Liebschaften ging. Eine Affäre mit einer ungarischen IWF-Mitarbeiterin hätte ihm 2008 um ein Haar seinen Job an der Spitze der mächtigen Organisation gekostet.

Damals verteidigte ihn seine Frau Anne Sinclair auf ihrem Blog mit der Bemerkung, dass so etwas in jeder Partnerschaft vorkommen könne. “Wie lieben uns wie am ersten Tag“, schrieb sie.

Viele Franzosen haben damals über amerikanische Prüderie gespottet. Dass ein Politiker seine Affären hat, erregt dort kaum Aufsehen und wird in den Medien kaum breitgetreten. Auch Präsident François Mitterrand führte jahrelang ein Doppelleben mit seiner Geliebten und der gemeinsamen Tochter. Über einen Hang Strauss-Kahns zur Aufdringlichkeit war schon früher berichtet worden: “Sein einziges Problem ist sein Verhältnis zu den Frauen. Er ist zu aufdringlich, es grenzt häufig an Belästigung. Die Medien wissen um diesen Fehler, aber niemand redet darüber, man ist ja schließlich in Frankreich“, schrieb “Libération“, als Strauss-Kahn zum IWF-Chef ernannt wurde.

Kaum war seine Festnahme in New York bekannt geworden, meldete sich in Frankreich eine Schriftstellerin mit weiteren schweren Vorwürfen. Strauss-Kahn habe vor neun Jahren versucht, sie zu vergewaltigen, erklärte sie. Damals habe sie sich nicht getraut, gegen den mächtigen Politiker zu klagen, aber nun werde sie dies tun, sagte ihr Anwalt.

Und eine sozialistische Abgeordnete berichtete ebenfalls, dass Strauss-Kahn ihr schon auf unangenehme Weise zu nahe gekommen sei. Neben den Frauen war es auch der Hang, seinen Reichtum zur Schau zu stellen, der Stauss-Kahn nicht zuletzt bei Parteifreunden in Verruf brachte. Ein Appartement am Pariser Place des Vosges, ein Haus in Washington, eine Residenz in Marokko - das brachte Strauss-Kahn viele Neider ein.

Präsident Sarkozy sah dies allerdings mit gewisser Genugtuung: “Im Vergleich mit ihm gehe ich als protestantischer Pastor durch. Meine Uhr ist neben seiner nur ein billiges Modell“, meinte er einmal. Dazu schien es nur allzu gut zu passen, dass DSK kürzlich beim Einsteigen in einen Porsche fotografiert wurde. Der gehörte zwar gar nicht ihm, aber das symbolträchtige Bild brachte viele in Rage.

Manche vermuteten dahinter allerdings auch den Beginn einer Hetzkampagne, da der ehemalige Wahlkampfmanager von Sarkozy indirekt an der Verbreitung beteiligt war. DSK, die Frauen und das Geld - dazu mehren sich derzeit die bitterbösen Kommentare im Internet. So war zu lesen: “Das einzige Bling Bling, was ihm noch bleibt, sind die Handschellen.“

dpa

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