Euro-Finanzen: Experten sehen Entspannung

Frankfurt/Main - Das Finanzsystem im Euroraum krankt noch, die Intensivstation hat es aus Sicht der EZB aber verlassen. Die heftigen Spannungen der letzten Monate haben nach Meinung der Experten deutlich nachgelassen.

Die Finanzmärkte haben sich demnach seit Sommer spürbar erholt. Überwunden ist die Krise damit noch nicht: Sie kann sich jederzeit wieder verschärfen.

Die extremen Spannungen an Europas Finanzmärkten haben nach Überzeugung der Europäischen Zentralbank (EZB) spürbar nachgelassen. „Ausschlaggebend waren die Ankündigung des neuen Anleihenkaufprogramms der EZB im August und die Entscheidungen des EU-Gipfels Ende Juni für eine tiefere Integration in Europa“, sagte EZB-Vizepräsident Vítor Constâncio am Freitag in Frankfurt bei der Vorlage des Finanzstabilitätsberichts. Seinerzeit war unter anderem die Bankenunion auf den Weg gebracht worden.

Seither seien die Refinanzierungskosten für Länder wie Spanien oder Italien deutlich gesunken, und mehrere Banken hätten den Zutritt zum Markt zurückgewonnen, betonte Constâncio. Auch die Lage der öffentlichen Kassen habe sich verbessert. Vor einem Jahr hatte die EZB die Lage deutlich dramatischer geschildert. Damals sah die Notenbank die Finanzstabilität im Euroraum so stark gefährdet wie nie seit der Lehman-Pleite im Herbst 2008.

Die Krise sei jedoch nicht überstanden. Sie könne sich jederzeit wieder zuspitzen, warnte Constâncio: „Die Risiken sind noch da, die Lage ist noch immer sehr fragil.“ Selbstzufriedenheit sei fehl am Platze.

Zu den Gefahren für den Euroraum zählt die EZB etwa ein neuerliche Verschärfung der Staatsschuldenkrise durch zu zögerliche Reformen. Die Schuldenberge seien weiter hoch. Die beschlossenen Maßnahmen müssten deshalb beherzt umgesetzt werden.

Sorge bereitet der EZB, dass ihre Geldpolitik nicht überall im Euroraum in gleicher Weise ankommt: Obwohl der Leitzins seit Monaten auf einem Rekordtief verharrt, können sich Banken in einigen Staaten nur teuer frisches Geld besorgen. Das senkt die Kreditvergabe an Unternehmen und Privathaushalte.

Der Chefvolkswirt der Berenberg Bank, Holger Schmieding, stellte der Notenbank für ihre Krisenpolitik ein gutes Zeugnis aus: „Seit die Europäische Zentralbank im August 2012 ein Machtwort gesprochen hat, haben die Turbulenzen um den Euro spürbar nachgelassen.“ Damals hatte die EZB angekündigt, den Euro um jeden Preis zu retten und notfalls unbegrenzt Anleihen klammer Staaten zu kaufen.

Die Wirtschaft der Eurozone könne auch deshalb im kommenden Frühjahr wieder auf einen Wachstumskurs einschwenken, sagte Schmieding. Zwar seien neue Turbulenzen und zwischenzeitliche Rückschläge jederzeit möglich. Dank des Sicherheitsnetzes der EZB dürften diese aber weniger gefährlich sein als zuvor.

dpa

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