So viele offene Stellen wie noch nie

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Nürnberg - Trotz kräftiger Anstiege in den Vormonaten hat die Zahl der offenen Stellen in deutschen Betrieben im Dezember noch einmal zugelegt.

Der Optimismus der Deutschen ist ungebremst: Trotz Euro-Schuldenkrise und trüber Konjunkturaussichten machen sich die meisten kaum Sorgen um ihren Arbeitsplatz. Denn zum Jahreswechsel gab es so viele freie Stellen wie noch nie seit dem Wiedervereinigungsboom. Im vergangenen Jahr übersprang die Zahl der Erwerbstätigen erstmals sogar die 41-Millionen-Marke, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mitteilte. Auch das Portemonnaie ist bei vielen Arbeitnehmern noch gut gefüllt.

Im Dezember übertraf die unverändert starke Nachfrage nach Arbeitskräften der Bundesagentur für Arbeit (BA) zufolge nochmals das Rekordniveau vom November. Das ergab der monatlich veröffentlichte Stellenindex BA-X, den die BA am Montag vor Bekanntgabe der Dezember-Arbeitslosenzahlen präsentierte. Die gut gefüllten Auftragsbücher zwängen vielen Unternehmen dazu, ihre Belegschaften aufzustocken.

Im abgelaufenen Jahr hatte der Konjunkturaufschwung den deutschen Arbeitsmarkt kräftig beflügelt und die Erwerbstätigkeit auf einen neuen Höchststand katapultiert: Im Jahresdurchschnitt 2011 waren nach den Angaben des Statistikamtes rund 41,04 Millionen Menschen mit Wohnort in Deutschland erwerbstätig. Damit wurde der bisherige Höchststand des Vorjahres nach den vorläufigen Berechnungen nochmals deutlich um 535 000 Erwerbstätige oder 1,3 Prozent übertroffen.

Von einer Krise spüren die Menschen derzeit im Alltag noch nichts, wie eine Umfrage der Wirtschaftsberatungsgesellschaft Ernst&Young ergab, die der “Welt“ (Dienstag) vorlag. Fast 90 Prozent der insgesamt 2000 befragten Verbraucher halten danach den eigenen Arbeitsplatz für sicher. 2008 und 2009 hatte dagegen noch jeweils jeder fünfte Bundesbürger Angst um seinen Arbeitsplatz. “Die Verbraucher in Deutschland stemmen sich tapfer gegen den Schwall düsterer Konjunkturprognosen“, sagte Umfrageleiter Thomas Harms der Zeitung.

Auch die Bewertung der eigenen finanziellen Lage spiegelt der Umfrage zufolge die gute Stimmung wider. 37 Prozent der Verbraucher bezeichneten sie als positiv, 51 Prozent als zumindest gleich. Nur zwölf Prozent beklagten eine schlechte finanzielle Situation. Für die kommenden Monate rechnete die Mehrheit der Befragten mit einem gleichbleibenden Haushaltseinkommen.

Fast alle Arbeitnehmer dürften dieses Jahr sogar mehr Geld in der Tasche haben, berichtete die “Süddeutsche Zeitung“ (SZ/Montag). Es können bis zu 160 Euro für den Durchschnittsverdiener werden. Dies würden zahlreiche kleinere Änderungen im Steuer- und Abgabenrecht bewirken, die jede für sich betrachtet dem Bürger nur wenig brächten. Insbesondere zählten hierbei der gesunkene Beitragssatz der Rentenversicherung und die jetzt regulär in der Gehaltsabrechnung berücksichtigte Erhöhung des Arbeitnehmer-Pauschbetrags. Hauptnutznießer sind Beschäftigte mit einem Jahresbruttoeinkommen zwischen 24 000 und 66 000 Euro, wie Ökonom Frank Hechtner von der Freien Universität Berlin (FU) für die “SZ“ errechnete.

Nach Einschätzung der Bundesagentur für Arbeit vom Montag führt die stabile wirtschaftliche Lage in Deutschland dazu, dass Unternehmen ihre Belegschaften weiter aufstocken werden. Den größten Arbeitskräftebedarf meldete nach Bundesagentur-Angaben aber weiterhin die Zeitarbeit; inzwischen stamme jede dritte Stelle aus dieser Branche. Darüber hinaus suchen nach BA-Erkenntnissen auch Unternehmen des Groß- und Einzelhandels, Baufirmen und die Gastronomie neue Mitarbeiter. Eine größere Arbeitskräftenachfrage gebe es darüber hinaus im Gesundheits- und Sozialwesen.

Die guten wirtschaftlichen Bedingungen begünstigten Arbeitnehmer und Selbstständige im vergangenen Jahr gleichermaßen. So wuchs die Zahl der Arbeitnehmer mit Wohnort in Deutschland im Jahresdurchschnitt um 478 000 (1,3 Prozent) auf rund 36,5 Millionen. Die Zahl der Selbstständigen (einschließlich mithelfender Familienangehöriger) erhöhte sich um 57 000 (ebenfalls 1,3 Prozent) auf rund 4,55 Millionen.

Vom Boom am Arbeitsmarkt profitierten alle Branchen. Der langfristige Strukturwandel in Deutschland hält aber an. In den vergangenen 20 Jahren hat die Industrie erheblich an Bedeutung für die Beschäftigung eingebüßt: Der Sektor beschäftigte 2011 nur noch 18,7 Prozent aller Erwerbstätigen - fast zehn Prozentpunkte weniger als 1991 (28,5 Prozent). Der Anteil des Dienstleistungssektors an der Gesamtzahl der Erwerbstätigen stieg dagegen von 60,9 Prozent im Jahr 1991 auf 73,8 Prozent im vergangenen Jahr.

dpa

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