Handelsketten wollen Bauern fördern

Mehr Geld für bessere Tierhaltung

Berlin - Die Empörung über in riesigen Anlagen eng zusammengepferchte Schweine und Hühner zeigt Wirkung: Die großen Handelsketten wie Edeka, Rewe und Real wollen Bauern jetzt dafür bezahlen, wenn sie ihre Masttiere unter artgerechteren Bedingungen halten.

Sie wollen dafür einen offenbar millionenschweren Fonds einrichten - und hoffen, dass die Verbraucher ihre Initiative honorieren. Der Tierschutzbund reagierte ablehnend.

Edeka und seine Discountertochter Netto, Rewe und Metro-Tochter Real bestätigten am Freitag, dass sie die Initiative für mehr Tierwohl in der Schweine- und Geflügelfleischproduktion am Donnerstag mit vereinbart hatten. Auch der Discounter Lidl ist dabei. "Das Schöne ist: Alle ziehen an einem Strang", sagte eine Sprecherin von Metro in Düsseldorf.

Die Verhandlungen über eine branchenweite Initiative hatten vor einem Jahr begonnen, wie ein Vertreter des Unternehmens QS in Bonn sagte. Die Firma ist Trägerin des QS-Prüfsystems für Lebensmittel, an dem mehr als 100.000 Unternehmen aus Landwirtschaft, Schlachtung und Lebensmitteleinzelhandel teilnehmen, und koordiniert die Tierwohl-Initiative.

Zusammen mit Experten aus Wissenschaft und Tierschutz erstellte QS einen Katalog von Anforderungen für Schweine-, Puten- und Hähnchenmäster. Die Tierhalter, die Geld aus dem Fonds erhalten wollen, müssen sich zur Erfüllung der Kriterien verpflichten. Es gebe Kriterien, die nicht so aufwendig, und solche, die schwieriger zu erfüllen seien, sagte der QS-Vertreter. Je nach Kriterium seien die Zuschüsse festgelegt.

Tierschützer fordern vor allem mehr Platz für die Tiere und Auslaufmöglichkeiten im Freien, aber zum Beispiel auch den Verzicht auf die Kastration von Ferkeln oder das Kürzen der Schnäbel bei Hühnern. Laut "Frankfurter Allgemeine Zeitung" soll ein Bauer 20 Cent bis 8 Euro mehr für ein Schwein bekommen, das 20 bis 40 Prozent mehr Platz, Auslauf und eine weiche Liegefläche hat.

Der QS-Vertreter sagte, es werde "zunächst nur ein geringer Anteil landwirtschaftlicher Betriebe mitmachen". Ziel sei aber eine "hundertprozentige Durchdringung". Zur Höhe des Tierwohl-Fonds seien keine seriösen Angaben möglich. Laut "FAZ" soll bereits 2014 ein "mindestens zweistelliger, vermutlich dreistelliger Millionenbetrag" in den Fonds fließen.

Wer im Supermarkt Schweine- oder Hühnerfleisch kauft, wird nicht erkennen können, ob das Tier artgerecht gehalten wurde oder nicht. Die Handelsketten hoffen laut QS-Vertreter aber darauf, dass die Verbraucher es unterstützen, wenn ein Unternehmen "sein Möglichstes tut" und sich an der Tierwohl-Initiative beteiligt.

Bisherige Programme - vor allem verschiedene Siegel wie das Anfang des Jahres eingeführte Label "Für mehr Tierschutz" - hätten "nicht den erwünschten Erfolg gebracht", sagte der QS-Vertreter. Die Handelsunternehmen hätten daher eine branchenweite Lösung gewollt - auch weil sich das Thema nicht eigne, um Wettbewerbsvorteile auszuspielen. QS wies darauf hin, dass die Initiative vom Bundeskartellamt genehmigt werden muss.

Lebensmittelskandale in Deutschland

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Der Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, Thomas Schröder, kritisierte gegenüber AFP, die angebliche Branchenlösung Tierwohl scheine die Verbraucherverwirrung zu fördern und ein "zu durchsichtiger Versuch" zu sein, den Gesetzgeber und unabhängige Tierschutzlabels abzuwehren. Der Handel wolle offenbar eine Erhöhung der Fleischpreise aufgrund der Anforderungen vermeiden. Daher stelle sich die Frage, wie die offenbar geplanten Zuschüsse für den Landwirt finanziert werden sollen.

"Muss demnächst jeder, besonders der Vegetarier aufpassen, wo er sein Waschmittel kauft, weil die Gefahr besteht, dass Fleisch 'quersubventioniert' wird?", fragte Schröder. Neben Tierschutzfragen stellten sich auch viele weitere Fragen aus Verbrauchersicht. Der Deutsche Tierschutzbund hatte in einer Arbeitsgruppe zur Haltung von Schweinen in der Tierwohl-Initiative mitgewirkt, diese Mitarbeit aber dann aufgrund von inhaltlichen Bedenken beendet.

AFP

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