Raumschiff "Shenzhou 8" startet riskantes Vorhaben

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Die unbemannte chinesische Raumkapsel “Shenzhou 8“ ist am Dienstag erfolgreich ins All gestartet.

Peking - Die unbemannte chinesische Raumkapsel “Shenzhou 8“ ist am Dienstag erfolgreich ins All gestartet. Das Ereignis steht für eine neue Kooperation zwischen Deutschland und China. Doch das Vorhaben ist riskant.

Die unbemannte chinesische Raumkapsel “Shenzhou 8“ ist am Dienstag vom Weltraumbahnhof Jiuquan erfolgreich ins All gestartet. Das Raumschiff hob am frühen Morgen (Ortszeit) von einem Weltraumbahnhof in der Stadt Jiuquan am Rande der Wüste Gobi ab, wie die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua meldete.

“Shenzhou 8“ soll an das Testmodul “Tiangong 1“ (“Himmelspalast 1“) andocken, das sich seit September im All befindet. Das Andockmanöver gilt als wichtiger Test für die geplante eigene Raumstation Chinas.

Wissenschaftler aus Magdeburg vom Start beeindruckt

An Bord hat “Shenzou 8“ neben sechs anderen deutschen Experimenten auch einen Versuch der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Damit untersucht Oliver Ullrich den Einfluss der Schwerelosigkeit auf das menschliche Immunsystem. “Den Start in unmittelbarer Nähe zu erleben, war außerordentlich beeindruckend“, schwärmt der Wissenschaftler. Mit der Mission werde Raumfahrtgeschichte geschrieben. “Erstmals kooperieren die Chinesen bei einer Shenzhou-Mission mit einer anderen Nation“, erklärt der Weltraumbiotechnologe. “Ich freue mich sehr, dass unser Experiment dafür vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt ausgewählt wurde und mit dabei ist.“

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Über mehrere Jahre wurde die unbemannte Mission vorbereitet. EADS Astrium entwickelte eine Apparatur namens SIMBOX, die die Versuche der deutschen Wissenschaftler enthält und automatisch ausführt. In Peking und Jiuquan wurden dann letzte Arbeiten vorgenommen. Die Magdeburger präparierten lebende Immunzellen, die am Tag vor dem Start in die SIMBOX eingesetzt wurden. “Auch das ist ein Novum“, berichtet Oliver Ullrich. “Nie zuvor durften Ausländer das chinesische Kosmodrom in der Inneren Mongolei betreten und dort arbeiten.“

In Peking sollen am Boden die gleichen Versuche durchgeführt werden. “Das dient der Kontrolle“, erklärt Ullrich der Nachrichtenagentur dapd.

Ursache für Infektionen von Astronauten wird gesucht

Immer wieder leiden Astronauten bei längeren Aufenthalten im All unter schweren Infektionskrankheiten etwa der Atemwege oder der Haut. Solange die Frage nach dem Warum nicht geklärt und keine Gegenmaßnahmen möglich sind, rückt ein bemannter Flug zum Mars in weite Ferne. Die Raumfahrtnationen bereiten eine solche Mission derzeit vereint mit Hochdruck vor. Am Ende dieser Woche wird bei Moskau die Mission Mars 500 beendet. Sechs Freiwillige haben dabei seit Juni 2010 insgesamt 520 Tage lang in einem engen Raum ausgeharrt. Damit soll ein Flug zum Mars simuliert werden. Das russische Institut für Biomedizinische Probleme will mit Mars 500 untersuchen, wie sich die Gruppendynamik in dieser Zeit verändert, wie das Team reagiert, wenn der Crewarzt wegen einer Krankheit ausfällt und welche Persönlichkeitstypen am besten für eine so lange Mission geeignet sind.

Parallel dazu laufen seit einigen Jahren die Versuche der Universität Magdeburg zum Immunsystem. Sie sollen demnächst langfristig auf der Internationalen Raumstation fortgesetzt werden. Ullrich leitet dort ein Team von Wissenschaftlern aus Russland, den USA, Deutschland und der Schweiz, das das Rätsel um das Versagen der körpereigenen Abwehr lösen will. “Wir haben bei Parabelflügen mit 22-sekündigen Schwerelosigkeitsphasen herausgefunden, dass verschiedene Zellen des Immunsystems unmittelbar auf den Wegfall der Schwerkraft reagieren. Was danach geschieht, ob sich die Störungen fortsetzen, wollen wir jetzt erforschen.“ Das Problem liegt dabei nach Erkenntnissen des Magdeburgers auf der Ebene der Zellen. Verschiedene Immunzellen stellen ihre Arbeit ein oder greifen den eigenen Körper an.

Mit der chinesisch-deutschen Mission “Shenzhou 8“ hat Oliver Ullrich nach etlichen Parabelflügen und Versuchen mit der Höhenforschungsrakete “Texus“ erstmals die Möglichkeit, über mehrere Tage in der Schwerelosigkeit zu forschen. “Shenzhou 8“ wird insgesamt 17 Tage im All bleiben und in dieser Zeit auch an die im Aufbau befindliche chinesische Raumstation “Tiangong 1“ ankoppeln. “Auch das ist ein Meilenstein der Raumfahrtgeschichte“, freut sich Oliver Ullrich. “Tiangong ist erst Ende September ins All geschickt worden, und das wird das erste Andockmanöver für die Chinesen.“

Nach ihrer Landung werden die Versuchszellen mit einem Hubschrauber geborgen und wieder in die Heimat transportiert. Dort werden die Versuche in den kommenden Monaten ausgewertet.

China plant eigene Raumstation

Im kommenden Jahr sind zwei weitere Missionen, mindestens eine davon bemannt, mit einem 8,5 Tonnen schweren Modul geplant. Die Astronauten sollen dann bis zu einen Monat lang im All bleiben. Zudem ist der Start zweier weiterer Testmodule geplant.

Peking will zwischen 2020 und 2022 in drei Phasen eine vollständige Raumstation montieren. Diese soll nach Fertigstellung etwa 60 Tonnen wiegen und wäre damit deutlich kleiner als die von 16 Nationen gemeinsam errichtete Internationale Raumstation ISS. Der Betrieb der ISS ist derzeit allerdings nur bis 2028 gesichert.

China hatte 2003 als drittes Land nach Russland und den USA ein eigenes bemanntes Raumfahrtprogramm gestartet. Zuvor hatte sich Peking mehrfach um eine Beteiligung an dem ISS-Projekt bemüht. Dies war jedoch am Widerstand vor allem der USA gescheitert. Als Hauptgrund dafür galt die enge Verknüpfung des chinesischen Raumfahrtprogramms mit den Streitkräften des Landes.

dapd

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