Kinder der Karibik: Entführt, geschlagen, vergewaltigt

+
Familiäre Gewalt fordert täglich Todesopfer unter 18 Jahren.

Mexiko-Stadt - Familiäre Gewalt fordert täglich Todesopfer unter 18 Jahren. Unglücke und Katastrophen schaffen paradiesische Bedingungen für illegale Adoptionen. Und die Regierungen schauen weg.

Das Erdbeben in Haiti hat erneut in aller Deutlichkeit gezeigt: vor allem Kinder in Katastrophensituationen sind in größter Gefahr, Opfer von Menschenhändlern zu werden. Doch auch in normalen Zeiten sind die Paradiese der Touristen für eine große Zahl von Kindern die Hölle.

Selbst in Mexiko verschwinden Säuglinge aus Krankenhäusern, werden Kleinkinder aus Kinderwagen geraubt oder Minderjährige entführt und zur Prostitution gezwungen. In Haiti, aber auch anderen Ländern Mittelamerikas und der Karibik, sind vor allem Kinder aus den mittellosen Schichten selbst in normalen Zeiten in extremer Gefahr, in die Gewalt krimineller Organisationen zu geraten, weil die Regierungen das Problem verschweigen.

Todesursache: Familiäre Gewalt

“Die Lage ist dramatisch“, sagte die Direktorin der Organisation Casa Alianza in Mexiko, Sofia Almazan, “die Jugendlichen werden von allen Seiten bedroht, auch von den Behörden und der Polizei.“ Casa Alianza wurde 1981 in Guatemala gegründet, um vor allem Straßenkinder zu schützen.

In Lateinamerika und der Karibik werden jedes Jahr nach Angaben des Kinderhilfswerkes der Vereinten Nationen (UNICEF) sechs Millionen Kinder und Heranwachsende schwer misshandelt. Oft bietet die Familie keinen Schutz, sondern ist Ort der Gewalt. Jeden Tag sterben junge Menschen unter 18 Jahren als Folge familiärer Gewalt.

Jede Stunde werden im Schnitt 28 Mädchen und Jungen sexuell missbraucht, oft von den eigenen Vätern, Stiefvätern, Onkeln oder dem Freund der Mutter. Am schlimmsten sind aber die Kinder dran, die ihre Familie verlieren. “Dieser Teil der Bevölkerung ist vielfältigen Misshandlungen schutzlos ausgesetzt, Angriffen auf das Leben, Misshandlung, sexuellem Missbrauch“, schrieb UNICEF.

Paradies für illegale Adoptionen

Nach Schätzungen von Hilfsorganisationen vegetieren allein in der mexikanischen Hauptstadt Tausende von Kindern in den Straßen. Sie prostituieren sich für umgerechnet einen Euro, um zu überleben. Mädchen, auch im Alter von unter zehn Jahren, werden schwanger. Doch was aus den auf der Straße zur Welt gebrachten Säuglingen wird, weiß niemand.

Die Regierungen haben sich dem Problem verschlossen. In Guatemala, bis 2007 ein Paradies für illegale Adoptionen und Kindesentführungen, wurde die Casa Alianca dicht gemacht, nachdem das Land die Adoptionsgesetzte verschärft hatte. Als ob durch ein Gesetz oder dem Beitritt zu einer internationalen Konvention von einem Tag auf den anderen der Kindesmissbrauch aus der Welt geschafft sei.

Zweck der Waisenhäuser: Verkauf der Kinder

Fachleute vermuten, dass Adoptionen in Guatemala nur teurer geworden sind. Auf Mexikos Straßen jedenfalls tauchen auch Kinder aus Guatemala auf, wie Almazan berichtete. Mexikanische Bordelle kaufen die Kinder für umgerechnet 60 Euro und zwingen sie zur Prostitution. Am schlimmsten war es aber schon vor dem Erdbeben in Haiti, dem ärmsten Land des Kontinents. Das Weggeben von Kindern hat dort traurige Tradition.

Schon immer wurden dort Kinder vom Lande zu Familien und Verwandten in die Stadt gegeben, damit sie eine Ausbildungschance erhielten; doch statt Ausbildung erwartet sie auch heute noch Ausbeutung. Die meisten dieser “Restavek“ genannten Kinder werden zu Sklaven. Und sie müssen ihren Herrschaften auch noch in den Obdachlosen-Camps der zerstörten Hauptstadt dienen. Viele Eltern geben “überzählige“ Kindern auch in die zahlreichen Waisenhäuser, weil sie sie nicht selbst ernähren können, und hoffen, dass die Kinder im Ausland eine Zukunft bekommen.

Deshalb blühte in Haiti schon vor dem Erdbeben das Geschäft mit den Adoptionen. Offiziell wurden pro Jahr 1300 Kinder in Haiti zur Adoption freigegeben. Unabhängige Organisationen schätzen jedoch, dass die Zahl weitaus höher lag. Viele der Waisenhäuser hätten nur den Zweck, Kinder ins Ausland zu verkaufen.

dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare