Folter-Experiment im TV ist umstritten

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Das Folter-Experiment im französischen TV stößt bei den Zuschauern auf ein geteiltes Echo.

Paris - Ein umstrittener Dokumentarfilm über ein Folter-Experiment ist in Frankreich auf geteiltes Echo gestoßen. Einige Zuschauer zeigten sich beeindruckt, andere schockiert.

Manche Zuschauer zeigten sich beeindruckt, dass sich mehr als 80 Prozent der Teilnehmer einer Fernsehshow dazu drängen ließen, anderen Menschen Stromstöße zu verpassen. Kritiker sagten, den meisten sei vermutlich bewusst gewesen, dass es sich nicht um eine echte Folterung handelte. Bei den Einschaltquoten kam der Film “Todesspiel“ von Christophe Nick im Sender France 2 trotz zahlreicher Medienberichte vorab nur auf knapp 14 Prozent Marktanteil.

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Nick hatte zeigen wollen, dass sich Menschen im Rahmen einer Fernsehshow überraschend einfach zu grausamen Handlungen drängen lassen. Für das Experiment wurden 80 Teilnehmer einer imaginären Show aufgefordert, einem Kandidaten in einem Fragespiel bei falschen Antworten Stromstöße zuzufügen. Sie konnten ihr Opfer nicht sehen, hörten aber dessen Schmerzensschreie.

Was sie nicht wussten:

Die Stromstöße waren nicht echt, die Schreie kamen vom Band. Etwa 80 Prozent von ihnen erhöhten gehorsam die Voltzahl, bis das Opfer kein Lebenszeichen mehr von sich gab. Kandidaten, die zögerten, wurden von der Moderatorin und vom Publikum ermuntert weiterzumachen. Der Filmemacher griff damit auf ein Experiment des US- Wissenschaftlers Stanley Milgram aus den 60er Jahren zurück. Milgram hatte unter dem Eindruck der Nazizeit zeigen wollen, dass fast jeder dazu gebracht werden kann, einer Autorität zu gehorchen anstatt seinem Gewissen zu folgen.

“Es ist beeindruckend zu sehen, inwiefern Menschen bereit sind, sich einer Autorität zu unterwerfen“, schrieb eine Zuschauerin in einem Diskussionsforum auf der Website lexpress.fr. Eine andere bezweifelte, dass die Teilnehmer tatsächlich überzeugt gewesen seien, einem lebenden Menschen Stromstöße zu verpassen. “Ich hatte den Eindruck, es handle sich um einen Aprilscherz, und alle Teilnehmer haben ihre einstudierte Rolle gespielt“, bemerkte sie. Ein anderer Internetnutzer meinte, dass das Experiment wegen möglicher psychologischer Folgen für die Teilnehmer nie hätte stattfinden dürfen.

Tatsächlich hätten Psychologen in einem Fall eingegriffen und das Experiment abgebrochen, weil einer der Teilnehmer zu sehr aufgewühlt gewesen sei, erklärte France 2. Das Angebot einer psychologischen Begleitung habe niemand in Anspruch genommen. Allerdings hätten die meisten Teilnehmer berichtet, dass sie anschließend ein großes Redebedürfnis gehabt hätten.

dpa

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