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Täglich fast fünf Millionen Infektionen und 36.000 Tote: Chinas Corona-Welle erreicht offenbar Höhepunkt

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Von: Sven Hauberg

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Bald dürfte das Schlimmste überstanden sein. Derzeit aber sind die Todes- und Infektionszahlen in China auf Rekordniveau – zumindest laut Berechnungen.

München/Peking – Es war einmal mehr eines der größten TV-Ereignisse des Jahres: Rund jeder fünfte Chinese saß offiziellen Zahlen zufolge in der Nacht auf Sonntag vor dem Fernseher, um im Staats-TV die Gala zum Start ins chinesische Neujahrsfest zu verfolgen. Wie jedes Jahr war das Vier-Stunden-Programm eine Mischung aus Helene-Fischer-Show und Dauerwerbesendung, garniert mit ein bisschen Partei-Propaganda. Was aber anders war dieses Mal: Zum ersten Mal seit Beginn der Pandemie musste das handverlesene Saalpublikum keine Maske mehr tragen. Überhaupt taten die Macher der Sendung alles, um so sorglos wie nur irgend möglich ins Jahr des Hasen zu starten – von der Corona-Pandemie, die in China noch immer nicht ausgestanden ist, kein Wort. Stattdessen gute Laune pur.

Dabei steht China derzeit offenbar am Höhepunkt der Pandemie. Laut Berechnungen des auf Gesundheitsdaten spezialisierten Unternehmens Airfinity aus London könnte die Zahl der täglichen Neuinfektionen bis spätestens Freitag auf einen Spitzenwert von 4,8 Millionen pro Tag gestiegen sein. Danach, so die Analysten, werde die Zahl wieder sinken. In einigen Provinzen, darunter Henan, Gansu, Qinghai und Yunnan, sei der Höhepunkt der Infektionszahlen bereits jetzt überschritten.

Experten schätzen, dass in China bereits 884.000 Menschen an Corona verstorben sind

Airfinity rechnet zudem damit, dass am Donnerstag ein Höhepunkt bei den täglichen Todesfällen erreicht wurde, mit dann 36.000 Toten binnen 24 Stunden. Damit korrigiert das Unternehmen ältere Berechnungen nach oben, die von maximal 25.000 Todesfällen an einem Tag ausgegangen waren. Ursprünglich hatten die Airfinity-Experten zwei Infektionskurven vorhergesagt, jetzt gehen sie hingegen von einer einzigen größeren und längeren Welle aus. Das werde den Druck auf die Krankenhäuser weiter erhöhen und könnte eine höhere Sterblichkeit zur Folge haben.

Insgesamt sind laut Berechnungen von Airfinity seit Anfang Dezember 884.000 Menschen in China an oder mit Corona verstorben. Die Zahl der Infizierten beziffert das Unternehmen auf 134 Millionen.

Chinas offizielle Zahlen weiterhin viel zu niedrig

Chinas Behörden melden hingegen deutlich geringere Todeszahlen. Die Nationale Gesundheitskommission in Peking hatte bereits vor einigen Tagen erklärt, zwischen 8. Dezember und 12. Januar seien knapp 60.000 Menschen an oder mit Corona gestorben. Am Mittwoch meldete das Chinesische Zentrum für Krankheitskontrolle und -prävention, dass am 4. Januar mit 4.000 Verstorbenen nun bereits der Höhepunkt der täglichen Todesfälle erreicht worden sei. Um den 22. Dezember herum habe es täglich sieben Millionen Infektionen gegeben, seitdem sinke diese Zahl. Am Wochenende hatte Chinas Top-Epidemiologe Wu Zunyou gesagt, dass sich bereits bis zu 80 Prozent aller Chinesen mit dem Virus angesteckt hätten, also mehr als eine Milliarde Menschen.

Gezählt werden in China nur Todesfälle, die innerhalb medizinischer Einrichtungen aufgetreten sind. Zudem hatte die Behörde zuvor erklärt, dass nur noch Todesfälle in die Statistik einfließen würden, wenn die Betroffenen an einer Lungenentzündung oder an Atemversagen gestorben seien. Tägliche Zahlen zum Infektionsgeschehen meldet die Regierung in Peking seit einigen Wochen nicht mehr.

China feiert das Neujahrsfest, und das Virus reist mit

Derzeit reisen Hunderte Millionen Menschen in ganz China zu ihren Verwandten, um mit ihnen die Feiertage um den Start in das Jahr des Hasen zu begehen – oder befinden sich bereits auf der Heimreise. Bis Mitte Februar werden nach Schätzungen von Chinas Transportministerium 2,1 Milliarden Reisen gemacht werden, viele davon von den Städten aufs Land, wo das Gesundheitssystem deutlich schlechter ausgebaut ist als in den großen Metropolen. Auch ist auf dem Land die Bevölkerung deutlich älter als in den Städten. Und nur etwas mehr als 40 Prozent der Menschen über 80 haben in China eine dritte Impfung erhalten, sind also ausreichend gegen das Virus geschützt.

Corona-Patientin in der Region Xishuangbanna
Auf dem Land, wie hier in der südwestchinesischen Region Xishuangbanna, ist das Gesundheitssystem schlecht ausgestattet. © Noel Celis/afp

Die Regierung in Peking hatte am 7. Dezember 2022 in einem überraschenden Schritt sämtliche Corona-Maßnahmen aufgehoben. Zuvor hatte das Land rund drei Jahre lang versucht, mit einem Dreiklang aus Lockdowns, Massentests und Zwangsquarantäne die Ausbreitung des Coronavirus in Schach zu halten. Auch unter dem Eindruck von Demonstrationen im ganzen Land gegen diese Null-Covid-Politik kapitulierte die Staatsführung schließlich vor dem Virus und der hochansteckenden Omikron-Variante. Seitdem erklären Chinas Staatsmedien unablässig, Omikron sei nicht gefährlicher eine Grippe-Infektion – obwohl sie zuvor monatelang unablässig das Gegenteil betont hatten.

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