Frühschwimmer im Freibad: Überwindung für ein schönes Badeerlebnis unter freiem Himmel

„Von der Zahnbürste direkt in den Pool“

Kein Wettschwimmen: Erick Hinrichs liegt vorn, dicht gefolgt von Heinz Marksteiner. Der 87-jährige Marksteiner war viele Jahre Bademeister in Wieren, heute nutzt er den kurzen Weg von seinem Haus ins Sommerbad. Er gehört zu einem der täglichen Frühschwimmer. Fotos: Nolting

Wieren. Die Dusche läuft, doch es fällt schwer sich unter das eiskalte Wasser zu stellen. Gerade morgens. Doch es bleibt keine Wahl, will man den Sprung ins Schwimmbecken wagen. Gänsehaut am ganzen Körper.

Aus dem Sprung wird lieber ein langsames Hinabsteigen der Schwimmbad-Leiter. Langsam, damit Herz- und Kreislauf nicht verrückt spielen. Es ist kalt, dabei sollte doch Mitte des Wonnemonats Mai das Thermometer schon am Morgen eine zweistellige Gradzahl anzeigen. Tut es aber nicht. Doch nach ein paar Bahnen im Wasser fühlt es sich ganz angenehm an. Im Wasser ist es nämlich wärmer als in der Luft.

Dieter Schoop, Pressewart des Vereins „Aktion Sommerbad Wieren“, kurz ASW genannt, weiß es genauer: „Die Wassertemperatur beträgt heute 23 Grad Celsius.“ Draußen zeigt das Thermometer allerdings gerade mal neun Grad – in der Sonne.

Doch all diese Umstände stören sie wenig – die Frühschwimmer in Wieren. Und nicht nur dort. Auch in allen anderen Frei- und Hallenbädern sind sie zu finden. Meistens stehen sie schon vor der Öffnung – in Wieren um 7 Uhr – vor der verschlossenen Tür und warten. Ihr häufiges Wiedererkennungsmerkmal sind Bademäntel, die sie einfach über der Badekleidung tragen. Ein Vorteil, besonders wenn der Weg zwischen trautem Heim und Schwimmbad gering ist. So wie bei Heinz Marksteiner. Der inzwischen 87-jährige Wierener und seine Frau haben einen kurzen Weg, schließlich wohnen sie direkt gegenüber des Sommerbades. Heinz Marksteiner hat ein besonderes Verhältnis zum Wierener Bad. „Ich war von 1960 bis 1970 Bademeister“, sagt der rüstige Rentner. Immer nur während der Sommermonate hatte er die Aufsicht übernommen. Im Winter und Herbst hingegen hat er als Drechsler gearbeitet. Bis 1970. Dann hat er in Bad Bevensen als Bademeister begonnen und dort bis zu seinem Ruhestand 1985 gearbeitet. Jeden Morgen geht er nun schwimmen. „Morgens ist das schönste Baden. Das Wasser ist kristallklar und keimfrei“, lautet seine Begründung. Damit die Wasserqualität nicht in Frage gestellt wird, nimmt Schwimmmeister Moritz Rau regelmäßig Wasserproben.

Das Sommerbad in Wieren war in dieser Saison das erste Freibad, das seine Pforten geöffnet hat – für Frühschwimmer. Schon Ende April. Und es bietet vier Mal in der Woche Frühschwimmern die Gelegenheit, sich ab 7 Uhr in die Fluten zu stürzen. „Wir bringen diese besondere Leistung, obwohl es finanziell nicht leicht ist“, sagt Dieter Schoop.

Die Frühschwimmerin Anke Kuhnert geht jeden Morgen vor der Arbeit schwimmen. „Ich konnte mir meine Arbeitszeit so hinlegen“, sagt die Wierenerin, die bei der Stöckel Morich GmbH in ihrem Heimatort arbeitet.

Auf dem Weg zur Arbeit machen auch Sandra Müller und Jan Strauß einen Zwischenstopp im Wierener Bad. Sie kommen nach Uelzen und müssen nach Bad Bodenteich zur Werkhaus GmbH. „Hier haben wir feste Schwimmzeiten – in Bad Bodenteich ist es unregelmäßiger“, sagt Strauß. Um kurz nach 8 Uhr müssen sie an ihrem Arbeitsplatz sein. Nach dem Aufstehen werden also nur kurz die Zähne geputzt, dann geht es ab nach Wieren. „Von der Zahnbürste direkt in den Pool“, beschreibt es Jan Strauß. Moritz Rau kennt seine morgendlichen Dauergäste: „Die Frühschwimmer kommen bei Wind und Wetter.“ Auch Gäste aus Uelzen sind hin und wieder dabei. Sie kommen aufgrund der Preise. Und über die Mittagsstunden, denn dann ist in Wieren spürbar weniger los.

„Ich bin jeden Tag hier, aber nicht immer morgens“, ruft Dorle Arndt, „Ingelore Krüger – die ist jeden Morgen hier.“ Und tatsächlich, die Wierenerin geht wirklich jeden Morgen schwimmen. „Das passt mir morgens besser. Ich finde es herrlich. Man muss sich zwar überwinden, aber es ist schön“, begründet sie ihre morgendliche sportliche Betätigung. Nach dem Frühschwimmen endet das morgendliche Ritual noch nicht. Dann gibt es erstmal einen Kaffee und es werden die neusten Gerüchte in trauter Runde weitergegeben. Danach geht’s nach Hause oder zur Arbeit. Auf dem Weg dorthin wird in den meisten Fällen ein Zwischenstopp beim Bäcker eingelegt. Dann folgt das dringend notwendige Frühstück, denn der Hunger fängt noch bei der heißen Dusche nach dem Schwimmen langsam an. Körper und Geist sind wach und bereit für neue Aufgaben –bis nach dem Mittagessen irgendwann die schleichende Müdigkeit einsetzt.

Von Jörn Nolting

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