Center-Parc Bispingen wird 20 Jahre alt / Bürger und Gericht stoppten Badeparadies im Kreis Uelzen

Das verhinderte Ferienparadies von Kallenbrock

+
277 Millionen D-Mark wollte der bayerische Unternehmer Josef Schreyögg 1988 auf dem Bullenberg bei Kallenbrock in einen Ferienpark mit subtropischer Badelandschaft und Bungalows investieren, der mit dem gleichzeitig geplanten Center-Parc in Bispingen konkurrieren sollte. Eine Bürgerinitiative und das Oberverwaltungsgericht Lüneburg stoppten das gigantische Projekt.

Kallenbrock. „Die Burschen sitzen gern oben, weil sie es gerne trocken haben“, sagt Rolf Alpers. Zielsicher greift er in den Sand – und spürt schon das Kitzeln des Ameisenlöwen auf der Haut.

Im Nu lässt der 64-jährige Stadenser den Sand durch die Finger rinnen – und da windet sich der wenige Millimenter kleine Wicht mit den Zangen am Kopf und versucht, sich in das verbliebene Häuflein auf der Hand zu verkriechen.

Die Heidevegetation auf dem 105 Meter hohen Bullenberg bei Kallenbrock, von dem der Blick bis zur Uelzener Zuckerfabrik schweift, ist ein Rückzugsgebiet für seltene Tierarten. Kaum vorstellbar: Vor 25 Jahren, im Frühjahr 1990 sollte hier ein 44 Hektar großer Ferienpark mit subtropischer Badelandschaft öffnen. Doch während die Konkurrenz, der Center-Parc in Bispingen, am Sonntag sein 20-jähriges Bestehen feiert, wurde aus dem Inparc auf dem Bullenberg nichts. Eine Bürgerinitiative und ein Gericht stoppten das 277-Millionen-D-Mark-Projekt.

„Wohl selten haben Ratsherren über ein so gewaltiges Projekt zu entscheiden gehabt, hing von ihrem Votum so viel für die Gemeinde und für einen Unternehmer ab“, schrieb AZ-Redakteur Dietrich Zarft vor der entscheidenden Gemeinderatssitzung in Stadensen am 6. September 1988. Die Ratsmitglieder waren sogar nach Belgien gefahren, um einen Center-Parc zu besichtigen. Neben einer zeltartig überdachten Badelandschaft auf der Bergkuppe, die teilweise abgetragen werden sollte, waren ein großes Sportzentrum, ein Tagungsbereich, Gastronomie und Läden sowie ein Hotel, Appartments und Ferienhäuser mit insgesamt 4000 Betten geplant.

„Wohl selten haben Ratsherren über ein so gewaltiges Projekt zu entscheiden gehabt...“

Der bayerische Unternehmer Josef Schreyögg, bislang als Boots-, Haushaltsgeräte und Fertighausbauer in Erscheinung getreten, warb mit der Gewerbesteuer, die der Gemeinde zugute kommen würde: „Wir werden den Sitz der Gesellschaft in die Gemeinde verlegen, denn wir wollen unsere Steuern hier zahlen“, zitierte die AZ. „Wir wollen, dass alle im Kreis von unserem Projekt profitieren.“ Gemeint waren auch 234 Vollzeit- und noch einmal 276 Teilzeitarbeitsplätze vom Koch bis zur Reinigungskraft. Auch die Handwerksbetriebe sollten von Aufträgen profitieren.

Rolf Alpers setzte sich vor einem viertel Jahrhundert für den Erhalt der Natur auf dem Bullenberg ein.

Schreyögg, der das Gelände bereits 1971 von einem anderen Unternehmer erworben hatte, setzte auf eine neue Form von Tourismus. In den Center-Parcs in den Niederlanden und Belgien verbrachten Touristen seit Ende der sechziger Jahre ihren Kurzurlaub innerhalb einer geschlossenen Ferienanlage mit einer zentralen Badelandschaft. Das Programm war auf Familien zugeschnitten, die ihre Kinder sicher untergebracht und animiert wussten. „Dieses Ferien- und Freizeitprojekt soll den gestressten Stadtmenschen eine Möglichkeit eröffnen, sich in einer frei gegliederten Wohnlandschaft, fernab von Verkehr, in klarer Luft und gesunder Umwelt zu erholen“, hieß es im Bebauungsplan.

Um die Anlage zu finanzieren, hatte der Bayer einen Fonds als Steuersparmodell für Freiberufler aufgelegt, Mindesteinlage: 50 000 Euro, eine dänische Hypothekenbank sollte Kredit gewähren. Zudem hoffte er auf die Zonenrandförderung. Doch die Zeit saß Schreyögg im Nacken, denn in Bispingen war ein Ableger der Center-Parcs geplant. Noch im selben Jahr sollten deshalb die Bauarbeiten beginnen.

Der Bullenberg, ein Ausläufer der Wierener Berge, war zu dieser Zeit eine Mondlandschaft, denn der Unternehmer hatte den Wald bereits 1981 roden lassen. Widerstand regte sich. „So etwas nennt man Sachzwänge schaffen, damit auch wirklich gebaut wird und kein Naturschützer die Bäume mehr retten kann“, schrieb Grünen-Urgestein Ingetraud Schmäcke am 23. Juli 1988 in einem Leserbrief. „Die Hoffnung auf ein Anschwellen der leeren Gemeindekassen lässt die meisten Ratsmitglieder Augen und Ohren verschließen vor den katastrophalen Folgen dieser Masseninvasion von erwarteten 4000 Autos, die durch den kleinen Ort pro Woche fahren sollen.“ Der Center-Parc Bispingen lag dagegen verkehrsgünstig an der Autobahn 7.

Eine Bürgerinitiative Bullenberg gründete sich schon im Mai 1988 und sammelte 300 Unterschriften gegen den Inparc. „Man befürchte eine gigantische Bebauung, die geplante Größenordnung stimme nachdenklich“, berichtete die AZ am 18. Juni 1988 von einem Termin mit dem Sprecher Dr. Ulrich Reinhard.

Im Stadenser Gemeinderat standen Rolf Alpers und sein Ratskollege Wolfgang Dietl allein. Sechs CDU-Ratsherren und drei der fünf SPD-Leute stimmten am 6. September 1988 für den Ferienpark. 100 Bürger verfolgten die Sitzung. „Wir wollen Zukunftschancen öffnen“, hatte Bürgermeister Karlheinz Borrmann im Mai 1988 erklärt. Naturfreund Alpers, Vorstandsmitglied im Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), sah dagegen die Verschandelung der Landschaft und die bedrohte Natur.

Bei Vogelzählungen stieß der Ratsherr, der am Lessing-Gymnasium Biologie unterrichtete, auf Ziegenmelker, Schwarzkehlchen und Pirol. Ihre Lebensgrundlage war bedroht.

Doch der Inparc blieb eine Idee. Kein einziges Fundament wurde gegossen. Im November 1988 verfügte das Oberverwaltungsgericht Lüneburg in einem von vier Mitgliedern der Bürgerinitiative angestrengten Normenkontrollverfahren einen vorläufigen Baustopp. Im Dezember 1990 scheiterte der Bebauungsplan Ferienhausgebiet endgültig.

„Der Konflikt zwischen gewerblicher Nutzung und Erhaltung der Landschaft wurde hier zugunsten der Erhaltung der Landschaft entschieden, weil ein einmal bestehendes Landschaftsschutzgebiet zum Zwecke gewerblicher Nutzung nicht einfach verkleinert werden könne“, erklärt der Uelzener Rechtsanwalt Michael Schwade auf seiner Internetseite, der später eine Bürgergruppe im Kampf gegen die Ostumgehung vertrat. Laut Presseagentur dpa hatte sich der damalige Regierungspräsident Rolf Wandhoff über die Bedenken seiner Fachbeamten hinweggesetzt.

„Das ist mit einem Federstrich erledigt worden“, bedauert Aues Samtgemeindebürgermeister Harald Benecke, der damals als Stadenser Gemeindedirektor involviert war. „Was die Arbeitsplatzsituation angeht, hätte unsere Region Wrestedt-Bodenteich von diesem Projekt sehr profitiert.“

Eine verpasste Chance? Arbeitsplätze – ein Totschlagargument, findet Rolf Alpers auch heute noch. Er war damals misstrauisch: „Wir haben den Herrn Schreyögg nie kennengerlernt, nur seine Leute. Man hat nie den Eindruck gehabt, dass sie die ganze Wahrheit gesagt haben.“ Dazu trug auch der Umstand bei, dass die ursprüngliche geplante reine Ferienhausanlage von 400 Häusern immer größer wurde, dem Rat immer neue Planungen präsentiert wurden.

Nicht jeder im Dorf dankte Alpers seinen Einsatz, viele hatten auf die Arbeitsplätze gehofft. „Mancher hat jahrelang nicht mit mir gesprochen“, erinnert sich Alpers. Dennoch erscheint ihm der Bürgerprotest noch aktuell: „Ich finde, dass die Bürgerinitiativen immer noch wichtig sind, weil immer noch zu viel Landschaft zerstört wird.“

Von Gerhard Sternitzke

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare