Freizeitkapitän beschwert sich über elf Stunden Wartezeit in Esterholz / Berufsverkehr hat Vorrang

Vor der Schleuse gestrandet

Freizeitkapitän Ingo Lange mit Ehefrau Annegret auf dem umgebauten Fischkutter im Schiffshebewerk Scharnebeck. Elf Stunden Wartezeit vor der Schleuse Esterholz verdarben dem Rentnerpaar die erste große Fahrt.

Esterholz. Auf einem alten Fischkutter von Hafen zu Hafen tuckern, ganz ohne Zeitdruck – diesen Traum hat sich Ingo Lange als Rentner erfüllt. Jetzt ging der 65-Jährige mit seiner Frau Annegret (64) zum ersten Mal auf große Fahrt nach Travemünde.

Doch die entspannte Reise auf dem Elbe-Seitenkanal und dem Elbe-Lübeck-Kanal – gekrönt von einer Begegnung mit dem Kreuzfahrtschiff Queen Mary – endete unschön. Auf der Heimfahrt verbrachten die Freizeitschiffer unfreiwillig fast einen halben Tag vor der Schleuse Esterholz.

Nach der Übernachtung im Bevenser Hafen erreicht das Boot die Schleuse gegen zehn Uhr vormittags. Es herrscht reger Betrieb, vor den Langes warten bereits drei Sportboote. Der Hankensbütteler ist gewohnt, vor Schleusen oder Hubbrücken zu warten. Er hat ja Zeit, und die Berufsschifffahrt hat grundsätzlich Vorfahrt. Doch an diesem Tag, dem 18. August, ist es anders.

Stunde um Stunde läuft der Uhrzeiger, und die Sonne brennt unbarmherzig auf insgesamt elf Sportboote und ihre Besatzungen. Bei einigen von ihnen, die mit der langen Wartezeit nicht gerechnet haben, geht der Vorrat an Nahrung und Wasser aus. Lange hilft aus – und ärgert sich.

„Ein zwei Stunden warten, da würde ich kein Wort drüber verlieren, aber nicht fast zwölf Stunden lang. Das ist unmenschlich“, findet Lange.

Der ehemalige Angestellte eines Entsorgungsunternehmens hält über Funk Kontakt mit den Schleusenwärtern. Der Schiffsverkehr staut sich. Seit März ist die neuere Schleuse defekt, so steht nur eine Anlage zur Verfügung. Die Langes frühstücken, essen Mittag, nehmen das Abendbrot ein. Das Schiff zu verlassen trauen sie sich nicht, weil sie die Hoffnung nicht aufgeben, mit einem großen Schiff in die Schleusenkammer schlüpfen zu dürfen.

Die ersten Boote können um 16 Uhr einfahren. Erst in der Nacht, um 21.20 Uhr kann Lange die Bergfahrt antreten, wie die Schleusung auf das höhere Kanalniveau genannt wird. Weil ihm inzwischen der Strom ausgegangen ist, muss er noch bis in seinen Heimathafen Wittingen weiterfahren.

„An den Schleusenwärtern lag es nicht. Die haben schnell und zügig gearbeitet“, betont Lange. „Es heißt, die Berufsschifffahrt hat Vorrang, aber so eine Regelung ist den Kleinen gegenüber unfair“, kritisiert der Rentner. Es müsse, wie an anderen Schleusen und Brücken üblich, nach zwei, spätestens drei Stunden möglich sein, die Sportboote zu schleusen.

Solch eine Regelung gibt es auch in Esterholz, bestätigt Rainer Behrens vom Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Uelzen. „Wir streben an, die Sportboote möglichst nach zwei, drei Stunden zu schleusen“, teilt er auf AZ-Nachfrage mit. „Aber die Berufsschiffer stellen wir für die Sportboote nur zurück, wenn sie später gekommen sind“, stellt er klar. „Die verdienen ihr Geld damit.“ Eine Wartezeit von elf Stunden sei sicher ein Extremfall, aber die Berufsschiffer müssten auch so lange warten. „Man kann den Verkehr nicht planen.“

Von Gerhard Sternitzke

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