Schiffsverkehr wird immer noch von der Kommandobrücke der alten Schleuse aus gesteuert

Klar Schiff in Esterholz

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Thomas Gerstenberg steuert die neue Schleuse „Uelzen II“aus seinem Büro in 68 Metern Höhe.

Esterholz. „Ich habe den schönsten und höchsten Arbeitsplatz im ganzen Landkreis“, sagt Thomas Gerstenberg.

Rund 68 Meter über dem Meeresspiegel hat er eine Wand aus Monitoren vor sich; und einen Platz am Fenster ausgesucht, um das Meer von Reederei-Fähnchen unterzubringen, die ihm Schiffer in die Hand gedrückt haben.

Zu Spitzenzeiten werden in Esterholz 90 bis 100 Schiffe pro Tag abgefertigt, die auf dem Elbe-Seitenkanal die Schleuse passieren.

Der Betriebsleiter liebt seine Brücke über Schleuse Uelzen I, von der aus auch Uelzen II gesteuert wird. Im Sommer, da muss er auf seine „Kameraden“, die Freizeitkapitäne und die Sportschifffahrer, in der riesigen, 190 Meter langen Schleusenkammer acht geben. Aber heute – zwei Kohlefrachter werden gerade 23 Meter von unten nach oben in Richtung Mittellandkanal geschleust – genügt die Automatik. Zwei Klicks mit der Maus – und das Programm läuft. Ein vollautomatischer Schleusenvorgang setzt ein, in dem gewaltige Wassermassen aus den Sparbecken und dem Kanal in die Schleusenkammer drücken. Ist der Schleusenvorgang fast abgeschlossen, setzt das ruhige Blubbern der Schiffsdiesel ein, die die Binnenschiffe aus der Schleusenkammer heraus in den Kanal schieben.

50 bis 60 Schiffe werden so täglich auf der Transitstrecke Elbe-Seiten-Kanal in Esterholz geschleust: Rund-um-die-Uhr, 362 Tage im Jahr. In Spitzenzeiten sind es sogar 90 bis 100 Schiffe, die abgefertigt werden müssen. Im Dreischicht-System fährt ein Schichtleiter die Schleuse allein. Gerstenberg, heute 50 Jahre alt, ist seit 30 Jahren dabei. Und er hat es wohl nie bereut, Schicht- und Betriebsleiter beim Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt des Bundes (WSA) in Uelzen zu werden.

Er gerät ins Schwärmen, wenn er an die zwei Jahre denkt, in denen Uelzen I (Fertigstellung: 1976) und Uelzen II (Fertigstellung: 2006) gemeinsam funktionierten. Kontinuierlich erhöht hatten sich die Frachtraten für den Kanal, die 2015 den Rekordwert von 11 Millionen Gütertonnen erreichten. „Das war ein Rein und Raus, Hier und Da“, sagt der 50-jährige Gerstenberg, der, wenn er einen Wunsch frei hätte, am liebsten die alte „Uelzen I“ wieder mit in Betrieb sähe.

Die alte Uelzen I als Reserve? „Ja, das erhoffen wir uns“, sagt WSA-Amtsleiter Martin Köther. Anfang kommenden Jahres soll ein Prüfergebnis der Bundesanstalt für Wasserbau vorliegen, das Korrosionsschäden und Undichtigkeiten der 40 Jahre alten Schleuse begutachtet.

Schon einmal, in den neunziger Jahren wurde an Uelzen I nachgearbeitet. Die Schleuse hatte sich leicht nach Nordwesten geneigt, Bohrungen und Arbeiten am sandigen Untergrund hatten damals das Bauwerk noch einmal stabilisiert.

„Dafür“, weiß Köther, „läuft Uelzen II bestens.“ Der Bauingenieur verweist auf die Steifigkeit und Gründung der neuen Schleuse. 240 000 Kubikmeter Beton seien dort verbaut worden. Die Sparbecken und die Schleusenkammer ruhten auf einer gemeinsamen Bodenplatte.

Bei Uelzen I dagegen sei man in den siebziger Jahren, als noch jede Computerberechnung Begeisterung auslöste, mit 100 000 Kubikmetern Beton ausgekommen und an Grenzen gegangen. Das Ergebnis: „Es gibt Bewegungen im Bauwerk“, sagt Köther. Und zuletzt: Risse in Bewehrungsstählen.

Auch dem Schimmelbefall (AZ berichtete) im umlaufenden Betriebsgang, der tief im Schleuseninnern von Uelzen II verläuft, hat das WSA entgegengesteuert. Die klimatischen Bedingungen werden heute einbezogen, das Institut für Arbeitsmedizin hat grünes Licht gegeben. Schutzmaßnahmen für die Mitarbeiter seien demnach nicht notwendig, betont WSA-Amtsleiter Köther.

„Die schaffen wir doch noch“, sagt Amtsleiter Köther zu Thomas Gerstenberg. Der ist schon wieder mit Funktechnik, Kamera und Lautsprecher auf den Schleusenverkehr konzentriert. Die gute alte Uelzen I ist für Gerstenberg eben die schönste Kommandobrücke der Welt.

Von Christian Holzgreve

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