Abgebrüht und zerteilt

Kaltes Büfett und tote Sau: Patrick Hofmann las bei den „Weingeistern“ in Wrestedt.

Wrestedt - Von Barbara Kaiser. Kann man über das Schweineschlachten einen Roman verfassen? Wenn man es kann, kann man. Über Tod und Filetstückverteilung eines ganzen Staates dagegen sollten sogar Bücher verfasst werden. Wegen der Lehren. Aber auch hier gilt: Nicht alles ist gut, was gut gemeint ist. Patrick Hofmann, Jahrgang 1971, studierter Geisteswissenschaftler, hat ein Buch geschrieben, in dem er eine letzte Sau zum Sinnbild für diverse Abgänge erhebt.

Mit diesem Erstling war er am Freitag bei den „Weingeistern“ zu Gast. Die hatten für ihr Schlachtefest – literarisch wie kulinarisch – den Schauplatz gewechselt und in Jürgen Kudritzkis Marktscheune in Wrestedt Unterschlupf gefunden. „Ich wollte immer mal was mit Kultur machen“, sagt der Fleischermeister und freut sich über ein voll besetztes Haus.

Patrick Hofmann gab an, seine Auszüge dem Ort der Lesung angemessen „ein bisschen mehr auf die fleischlichen Sachen konzentrieren“ zu wollen. Eines kann zunächst als unbestritten gelten: Beim Schweine schlachten kennt der Autor sich aus. Die Beschreibungen sind unendlich, auch wenn sie manchmal gehetzt klingen. Genau wie seine vielen Aufzählungen, wenn beispielsweise die Küche als Wohlfühlort Thema ist. Sicherlich ist das alles mit Liebe, Leidenschaftlichkeit und Spürsinn notiert; die vorm Auge des Zuhörers entstehenden Bilder beweisen das.

Gleiches gilt allerdings nicht für den Gegenstand seiner Parabel: Das Leben der Menschen in diesem verflossenen Staat DDR. Hier bedient Hofmann alle Klischees, die der (West?)Leser erwartet. Natürlich ist jemand in der Familie bei der Stasi gewesen. Ach, und wie sehr diese Sonja noch heute drunter leidet, dass es alle wussten. Einer hat nach der Wende, als Arbeitslosigkeit nicht mehr nur kapitalistisches Fremdwort blieb, in Versicherungen gemacht. Ob Hofmann weiß, dass es 1990 eine Weisung eben dieses verhassten Sicherheitsministeriums gegeben haben soll, dass dessen Mitarbeiter möglichst in solchen Jobs wie Versicherungsvertretungen überwintern sollten?

Wenn der Autor die Schlachterin, die einen Tag lang der letzten Sau vom Leben zum Tod verhilft, einen Katalysator für die Lebensbilanz der Familienmitglieder nennt, so kann er das mit seinen Geschichten, die auch sprachlich wenig brillant sind, nicht belegen. Und wenn es im Internet zum Buch heißt, dass dieser eine Tag genüge, um alle Gewissheiten, die die Familie über sich selbst und ihre Geschichte hatte, aufzulösen, dann hätte diese DDR wirklich herzlich wenig vermocht. Dabei ist sie doch auch nach 20 Jahren noch sehr virulent. Ein Beitrag für ihre würdevolle Bestattung ist Patrick Hofmanns Buch nicht.

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