Wochenrevue von Kai Hasse

Alltägliche Dramen und Komödien

Ein erster Eindruck als Neubürger von Stadt und Kreis Uelzen, nach drei Wochen? Schwer. Schon am Tag des Vorstellungstermins gab es ein Knöllchen. Fünf Minuten ohne Parkschein, und die Politesse war schnell wie die Feuerwehr. Einige Tage später eine Fahrt auf der B 4. Kurz vor Uelzen wird der Neubürger geblitzt– und kurz hinter Uelzen gleich nochmal. Und dann diese unheildräuenden Medienberichte durch die Douglas-Bande. Und diese Ortsnamen im Kreis, die eher wie Geräusche klingen als wie Orte. Und nun hebt die GSG9 ein Schleuser-Nest aus.

Zugegeben, da mag man sich etwas Schöneres wünschen als Neubürger. Und man mag denken: Ach, hätte es nicht lieber Berlin sein können? Brodelnd, jung, liberal, groß. Und total en vogue. Mal im Ernst: Der große, brodelnde, quietscheentchen-grelle Moloch kann mir gestohlen bleiben. Der erste Eindruck mag zunächst abschrecken, und Knöllchen und Angst auf der Straße und Kuhstall-Geruch in den Vororten sind manchmal unschöne Realitäten. Deshalb einen Ort vorschnell kritisieren? Unsinn.

Eine (neue) Heimat muss man nicht bejubeln. Heimat hängt an Momenten und Menschen – sie verweben einen Menschen mit dem Ort, an dem er wohnt. Dazu gehört die Kassiererin mit der kessen Brille im Supermarkt, in die man sich jeden Abend aufs Neue spontan verknallt. Oder das erste Mal, dass man sich im Waldstück um die Ecke verirrt und einen Jogger nach dem Weg fragen muss. Das sind Orte und Momente, die überall geschehen können. Aber wichtig ist: Sie geschehen hier. Jeder, der hier wohnt, hat Erfahrungen, die er ewig mit der Stadt oder dem Kreis verbinden wird. Nicht weil es hier so wunderschön wäre. Sondern weil die Erfahrungen hier gemacht wurden. „Uelzen??“ fragen die Kumpels. Das klingt ihnen zu wenig mondän, zu sehr nach Land und meinetwegen nach GSG 9. Aber ja, genau, Uelzen. Trotz oder wegen jeglicher alltäglicher Mini-Dramen und Mini-Komödien. Man lebt, liebt und leidet hier. In Uelzen.

kai.hasse@cbeckers.de

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