Die Wochenrevue von Andreas Becker

Meckern als (einziges) Prinzip?!

Das waren schon beeindruckende Zahlen, die Franziska Schwarzkopf und Anke Steffen von der Tourist-Info in dieser Woche präsentiert haben. Fast 400000 Gäste besuchen pro Jahr Uelzen. Das ist weit mehr als das Zehnfache der Einwohnerzahl Uelzens. Imponierend.

Noch eindringlicher wirkt die Gästezahl, wenn sie auf den Tag heruntergerechnet wird: 1095 Gäste. 365 Mal im Jahr. Logische Erklärung der beiden Expertinnen für den Run auf die Uhlenköperstadt: „Unsere Gäste haben einen anderen Blick auf die Stadt – sie mögen Uelzen.“ Ob das auch für jeden Bürger Uelzens gilt? Zweifel sind durchaus angebracht. Dem Neubürger fällt schnell auf, dass es eben die alteingessesen Uelzener sind, die mit Akribie das berühmte Haar in der Suppe ihrer Heimat(stadt) suchen. Diplomatischer drückt es Friedel Hennings, langjähriger Geschäftsmann in der Innenstadt, im AZ-Interview (Seiten 4,5) aus: „Ich wünsche den Bürgern dieser Stadt, dass sie ein wenig mehr Lokalpatriotismus entwickeln.“ Eine hübsche und doch spitze Formulierung, in der offenbar viel Wahres steckt. Stets sind es die Auswärtigen, die lobende Worte beispielsweise über den tollen Weihnachtszauber verlieren. Und der Uelzener? Er mosert eher über den Bratwurststand, der doch beim Weihnachtsmarkt im Vorjahr drei Meter weiter links gestanden habe. Stets sind es die Auswärtigen, die von einer schnuckeligen Innenstadt mit historischen Fachwerkhäuser schwärmen. Und der Uelzener? Er krittelt an der alten Bausubstanz und könnte sich ganz viele moderne (und teure) Neubauten vorstellen. Stets sind es die Auswärtigen, die das attraktive Kultur- und Freizeitprogramm in der Uhlenköperstadt anpreisen. Und der Uelzener? Er ruft immer wieder aus: „Hier ist doch nichts los.“ Um anschließend nach Lüneburg zu fahren – und dort den Weihnachtsmarkt, die Fachwerkhäuser und das Kultur- und Freizeitprogramm ganz toll zu finden. Fast hat es den Anschein, als würde Meckern zum Prinzip ausgerufen. Immerhin: Besser ein Prinzip als keins.

andreas.becker@az-online.de

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