BUND-Podium zur A 39 in Wittingen: Letztes Wort bei Jembker Rastplatz noch nicht gesprochen?

Wissenschaft und Glaubenssätze

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Die rund 70 Zuhörer in Nöhres Saal verfolgten aufmerksam die Podiumsdiskussion und schalteten sich wiederholt ein.

Wittingen. Rückt die Tank- und Rastanlage vielleicht noch aus Jembke auf den Truppenübungsplatz Ehra-Lessien? Diese Frage war der spannendste Aspekt einer ansonsten eher vorhersehbar verlaufenden Podiumsdiskussion zur A 39 am Montagabend im Hotel Nöhre.

Die Gifhorner BUND-Kreisgruppe hatte dazu die Nordkreis-Direktkandidaten für die Landtagswahl eingeladen, und schon die Sitzordnung machte klar, wo die Fronten verlaufen würden. Links vorn sahen die rund 70 Zuhörer Ingrid Klopp (CDU), Klaus Schneck (SPD) und Friedrich Lührs (FDP) – alles bekennende Autobahn-Befürworter. Rechts saß mit Frank-Markus Warnecke (Grüne), Herbert Behrens (Bundestagsabgeordneter der Linken, Vertreter für den Kandidaten Thomas Schnell) und Andreas Kautzsch (Freie Wähler) die Gegnerschaft.

Der BUND als Veranstalter hatte angekündigt, die Diskussion auf eine wissenschaftliche Grundlage zu stellen. Und die gebietet aus BUND-Sicht freilich eine Ablehnung der A 39, unter anderem weil die Artenvielfalt leiden werde und eine Fläche in der Größe von 1200 Fußballfeldern verloren gehe.

Der stellvertretende Kreisgruppen-Vorsitzende Manfred Michel berief sich in seiner 20-minütigen Einleitung auf den Lüneburger Hochschulprofessor Dr. Peter Pez, derzeit so etwas wie der Kronzeuge der Autobahn-Gegner in der Region. Tenor: Autobahnen bringen keine neuen Arbeitsplätze, diese werden höchstens verlagert, und regionale Unternehmen werden einem verstärkten Wettbewerb ausgesetzt. Michel warf auch nochmals Wachtelkönig, Ortolan und Vogelazurjungfer ins Rennen. Die müsse man schützen, vernünftig sei daher ein alternativer Ausbau der B 4 im 2+1-System, wie man es von der Uelzener Umgehung kenne.

Die Pro-A 39-Politiker hielten naturgemäß dagegen: Dass eine Autobahn keine Arbeitsplätze bringe, decke sich nicht mit den Beobachtungen von Unternehmen, sagte Klopp, die an diesem Abend traute Einigkeit mit ihrem Hauptkontrahenten Schneck bewies. Der verwies auf existierende Gewerbegebiete am bestehenden Teil der A 39 und darauf, dass von Verkehrsexperten zunehmender Druck auf alle Verkehrsträger erwartet werde – und da müsse man Schiff und Schiene fördern, dürfe aber „die Straße nicht verteufeln“. Lührs malte ein drastisches Szenario: „Wir brauchen die A 39, sonst wird die Region veröden.“

Die Autobahngegner werteten solche Argumente eher als Glaubenssätze denn als wissenschaftliche Argumente. In der Tat blieben Klopp und Schneck einen konkreten Hinweis auf belastbare Quellen für ihre Argumente schuldig und verwiesen lediglich auf Aussagen „aus den Ministerien“. Für die Kritiker wenig überzeugend, denn die Ministerien gehören ja zum Auftraggeber.

Allerdings: Auch das Argument des Linken Behrens, die Wirtschaft frage „nach anderen Faktoren als Autobahn“, wirkte arg pauschal. Grünen-Kandidat Warnecke sagte, da die Bevölkerungszahl zurückgehe, müsse man nicht noch weitere Straßen bauen, zudem sei der Nutzen-Kosten-Faktor der Autobahn erwiesenermaßen zu gering. Und der Sassenburger Kautzsch wandte sich in seinem Plädoyer gegen die A 39 vor allem „gegen die Umweltzerstörung“.

Wie sehr die Autobahn-Debatte abseits aller Sachargumente vor allem eine Frage des Standpunktes ist, zeigte am Montagabend die Diskussion über die Verkehrs-Untersuchung Nordost (VUNO). Die interpretierten beide Seiten für ihre Zwecke. Behrens räumte ein: „Da gibt es verschiedene Lesarten.“

So überzeugte – was zu beweisen war – keine Seite die andere auch nur ein Stück weit, und die Wissenschaft machte weitgehend vorgefassten Überzeugungen Platz. Sahen die Gegner etwa autobahnkritische Gutachten als fundiert an, so konterten sie den Verweis auf positive Expertisen schon mal mit dem Vorwurf eines „massiven Lobbyismus“ (Behrens). Da konnte ein aus der Südpfalz zugezogener Neubürger bei den Gegnern auch nicht mit der Nachricht punkten, dass sich in seiner alten Heimat nach einem Fernstraßenbau durchaus Gewerbe angesiedelt habe. „Die Leute, die früher dagegen waren, sind heute dafür“, sagte er.

Wohl auch eher als gefühltes Argument war es zu verbuchen, als Wittingens Ortsbürgermeister Wolfgang Trautmann behauptete, junge Leute würden dank der A 39 künftig in Wittingen wohnen und gleichzeitig in Hamburg arbeiten können. Er erntete ungläubiges Staunen und ein paar Lacher seitens der Autobahngegner sowie die Gegenfrage: „Bei den Spritpreisen?“ Manchem fiel es allerdings nicht nur an dieser Stelle schwer, auf polemische Zwischenrufe zu verzichten.

Ein Teil der Zuhörer kam aus Tappenbeck und Jembke, wo der Protest gegen die Tank- und Rastanlage tobt. Und wo es – insbesondere in Tappenbeck – das Szenario einer Trasse in elf Metern Höhe und in unmittelbarer Ortsnähe gibt. „Wie soll ich das meinen Kindern erklären?“, fragte ein Bürger. Ein anderer monierte: „Es interessiert den Staat hier überhaupt nicht, wenn ein Haus nicht mehr verkäuflich ist.“ Diesen Leuten half es sichtlich nicht weiter, dass Schneck „Verständnis für die persönliche Betroffenheit“ äußerte und dass Klopp auf einen „wissenschaftlich begleiteten Planungsprozess“ verwies.

Die Jembker Landwirtin Karin Loock übte heftige Kritik am weiteren Planungsverfahren in Sachen Tank- und Rastanlage: Das Planfeststellungsverfahren dafür sei erst für die zweite Jahreshälfte geplant, für den Rest der Autobahn schon vorher. Dies wertete sie als „Trick“, um die TuR „leichter durchzusetzen“.

Auch wenn sich BUND-Mobilitätsexpertin Eva Gresky als Moderatorin große Mühe gab, die Wortbeiträge zeitlich zu beschränken – nach drei Stunden wurde immer noch diskutiert, mit sich wiederholenden Argumenten. Die Jembker und Tappenbecker dürften vor allem eins mitgenommen haben: Klopp sieht in der Rastplatz-Frage noch nicht alle Würfel gefallen – sie will sich dafür einsetzen, dass die Anlage noch auf den bald nicht mehr genutzten Truppenübungsplatz Ehra verlegt wird. Schneck pflichtete seiner Landtagskollegin bei: „Der Rastplatz gehört nicht nach Jembke.“

Von Holger Boden

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