Die Wochenrevue von Ines Bräutigam

Ein wichtiger Schritt nach vorn

+

Sechs Wochen lang war ihr Hof gesperrt. Der Name des Betriebes quasi über Nacht in aller Munde. Denn Landwirtschaftsminister Gert Lindemann hatte Ross und Reiter schnell genannt: Der tödliche EHEC-Keim, an dem hunderte erkrankt sind und der bundesweit 50 Menschen das Leben gekostet hat, stammt vom Gärtnerhof Bienenbüttel.

Für Uta Kaltenbach und Klaus Verbeck eine Vorverurteilung. Und nicht nur für sie. Denn obwohl laut Behörden alle Spuren zu dem Bienenbütteler Betrieb geführt haben - nachgewiesen wurde der Erreger bis heute in keiner der mehr als 1000 Proben, die dort genommen wurden. Keine Befunde, dafür aber ein Biobetrieb kurz vor dem Ruin. Während die EHEC-Welle längst abgeflacht ist und kaum mehr jemand von der Epidemie spricht, sind Uta Kaltenbach und Klaus Verbeck dabei, im kleinen Bienenbütteler Ortsteil Steddorf die Scherben ihrer Existenz zusammenzukehren. Die beängstigende Journalistenmeute vor der Tür, Schuldzuweiseungen, gar Morddrohungen mussten sie verkraften. Jetzt: Die Mitarbeiter entlassen, das Inventar zum Verkauf, der Umsatz gleich null. Niemanden wundert es wohl, dass da nicht nur der materielle Schaden groß sein muss, sondern auch der seelische. Über Monate hinweg haben sich die Gärtnerhöfler gegen die Außenwelt abgeschottet, auf Medienanfragen wurde – wenn überhaupt – nur selektiv reagiert, ans Telefon ging allein der Anrufbeantworter. Jeder chritt, jedes Wort, jede Tat fand nur in Absprache mit dem Anwalt statt. Denn jeder Schritt, jedes Wort, jede Tat, sie hätten falsch sein können. - In jeder Hinsicht ein wohl nie geahnter Ausnahmezustand für ausgerechnet jene, die sich aus Idealismus dem ökologischen Landbau verschrieben haben und die sich wohl im Leben nicht hätten träumen lassen, dass ihnen ein derartiger GAU widerfahren würde. Einige Experten sind überzeugt davon, dass wohl niemals geklärt werden wird, woher der aggressive EHEC-Keim stammte. Und es gibt solche, die prophezeien, dass die zurückliegende nicht die letzte Epidemie gewesen sein wird. Andere mahnen, dass der Darm-Keim nicht auf einer Sprosse oder einem anderen Gemüse enstanden ist, sondern aus den Folgen der Massentierhaltung resultiert und deshalb dort angesetzt werden muss. Uta Kaltenbach und Klaus Verbeck hilft all das herzlich wenig. „Ich wollte Ihnen sagen, dass wir nicht verstummt oder paralysiert sind, sondern dass wir unsere Zeit abwarten“ - diese Zeile hat Uta Kaltenbach damals aus ihrem „Exil“, dem gesperrten Gärtnerhof, an die AZ geschrieben, als sie um eine Einschätzung der Situation gebeten worden war. Ihre Zeit ist jetzt gekommen. Sie und ihr Partner haben vor wenigen Tagen erstmals den Schritt in die Öffentlichkeit gewagt. Nach fast einem Vierteljahr. Und es ist ein wichtiger Schritt. Nicht nur, um für Aufklärung und Entschädigungen zu kämpfen. Sondern auch, um das Vertrauen der Verbraucher wieder zu gewinnen. Und ersteres wird viel schwerer sein als letzteres. Denn die Solidarität mit dem Gärtnerhof, sie war die ganzen Monate über allgegenwärtig.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare