Werbung für Chefs

Es gibt sone und solche. Chefs meine ich. Hier will ich von einem erzählen, der zu den solchen gehört. Auch vor dem Hintergrund, dass die Ferien zuende gehen und wir uns nur wünschen können, zu erholten Chefs zurückkommen.

Die Story: Mein Laptop hielt mich nicht mehr aus, weil ich ihn/es mit der Tasche außen am Auto angelehnt, dann beim weiteren Einpacken im strömenden Regen vergessen und überfahren hatte. Der neue Laptop passte nicht in die alte Tasche, also her mit der neuen. Die Eile, mit der ich die neue Tasche kaufte, hatte ähnliche Folgen, wie wenn man sich in der Menschheit aufgrund einer Krise von einem Menschen trennt und noch schneller in einen neuen hineinstürzt. Nämlich die Folge, dass nichts mehr passt, weder das Alte zum Alten (kaputt) noch das Alte zum Neuen (Fremden) noch das Neue zum Neuen (doppelt Fremdem). Denn die neue Tasche passte nicht zum neuen Computer.

Meine Geduld war am Ende und ich teilte mich dem Chef einer Vertriebsfirma für Taschen in meinem Jammer mit, denn ein solcher nahm an einem Treffen teil, in dem es eigentlich um Kindererziehung ging. Man bedenke: Neuzeitliche (männliche) Chefs nehmen auch an Treffen zum Thema Kindererziehung teil!

Es war ein junger Chef und eine späte Stunde des Tages. Er stand auf, holte einen Generalschlüssel aus seinem Auto und bot an, mir in Ruhe geeignete Taschen zu zeigen. Es war 23 Uhr und die Firma lag in Lübz (jawohl, das Bier) und 3km entfernt vom Tagungsort. Der Firmensitz (denkmalgeschütztes altes Kaufhaus in der City) lag im Stockdunkeln, aber für die neue Tasche wurde das ganze Haus entflammt. Es ging durch acht Räume, drei davon renoviert (von dem Chef und seinem Kompagnon persönlich), dann zehn Meter Kartons mit 1001 Taschen im endlosen nächtlichen Lager. Taschen sind für PC‘s (Arbeitszeiten) und das Gegenteil: Taschen für Freizeit und Frauen bzw. Männer, wenn man als Frau Kunde ist. Der Chef nahm sich Beratungszeit bis nach Mitternacht, danach war mein Laptop neu und edler angezogen denn je zuvor – „Die Rechnung hat Zeit, kommt per Post“ – die Lichter wurden gelöscht, die Firma verlassen und der Handel mit einem Absacker besiegelt. Der Chef sagte mir, der zweite Chef, ein bsschen älter, sei auch so. Zeitlos in der Fürsorge für den Kunden.

Allerdings: Sind solche Chefs deshalb auf Treffen für Kindererziehung, weil sie für eben diese zu wenig Zeit haben? Stattdessen für Kunden bis nach Mitternacht? Gleichwie: Schade, dass es den alten Verdiensttitel für Kaufleute nicht mehr gibt. Ich würde ihn diesen Lübzern verleihen: Herr Commercienrat. Da sind solche Taschen und Chefs (commercers.com).

Hans-Helmut Decker-Voigt ist als Schriftsteller mit Übersetzungen in zwölf Sprachen tätig und arbeitet musik- und psychotherapeutisch in Forschung und Praxis. Er ist per E-Mail erreichbar unter Prof.Dr.Decker-Voigt@t-online.de. „Erinnerungen an heute“ finden Sie auch unter az-online.de/kolumnen.

Von Hans-Helmut Decker-Voigt

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