Wenn ich Landrat...

. . . werden wollte, würde ich folgendes Thema in den Wahlkampf bringen: die Hühnermisthaufen in der Gemeinde Wriedel (die AZ berichtete ausführlich, „Trockenkot-Watching“ am 6. 8. 11 ).

Ich würde meinen Landkreis mit dem berechtigten Problem der Wriedeler Bürgerinitiative sofort in der gesamten Bundesrepublik bekannt und zum Modell-Landkreis für radikal weitergehendere Reformen machen, als die Wriedeler BI sie anmahnt. Ich würde das Thema des Hühnermistes ausweiten auf das politisch viel brisantere Thema der überall auf dem Lande noch bestehenden „Plumpsklos“ (plattdeutsch „Pitschklacks“).

Der Reihe nach: Die Wriedeler haben nichts gegen ihre Bauern mit ihren Bergen von Hühnermist, nur was gegen Gestank und Gesundheitsgefährdung, weil im Mist ganze Teile der Tiere enthalten sind, die den Mist machen. Das allein gefährdet noch nichts, sagt unser Dr. Pfeiffer im Uelzener Veterinäramt, aber gefährlich seien „Kontaminationen“, und mit solchem gewichtigen Wort wird das Problem auch ein wissenschaftlicheres. Es meint die Wühlerei von Vögeln und Wild im Hühnermist, der dann Bakterien aufbaut. Diese hintertückischen Teile von Gottes Schöpfung, die Bakterien, verursachen dann beim Austragen des Mistes als Dung auf den Feldern, von deren Früchten wir leben, katastrophale Folgen.

Nebenbei: Der Mist in Wriedel ist deutscher Mist und für den ist die Landwirtschaftskammer zuständig. Erst die Einfuhr von ausländischem Mist ist durch den Minister genehmigungspflichtig. Nun meine Idee, die ich den Landratskandidaten unter Verzicht für ihre Karriere überlasse: Ich kenne allein 16 (in Worten: sechzehn) Plumpsklos in meiner unmittelbaren Bekanntschaft, die auch bis heute benutzt werden: Von zeltenden Gästen, von Kindern, die es nicht mehr zum Wasserklosett schaffen, von klug das Wassergeld einsparenden Besitzern. Dasjenige im Seitengebäude der Alten Schule in Hösseringen habe ich noch selbst benutzt.

Und was liegt nicht alles in Plumpsklos! Verdorbene Lebensmittel, uralte, abgelaufene Medikamente, Farbenreste von der Haus-Renovierung, alte Batterien – alles durchmischt mit unserem ureigensten menschlichen Mist. Weitgehend übrigens deutschem Mist, der konservativen Kreisen noch willkommener als Dung dient. Na? Ist das wohl für unser Gesundheitswesen ein revolutionäres Wahlkampfthema?

In ihnen, den Plumpsklos – und die Dunkelziffer dürfte bundesweit in die Hunderttausende gehen – liegt der politische Sprengstoff, aufgrund dessen mein Landkreis nicht nur Modellkreis für atomfreie Energieversorgung und Hundertwasser würde, sondern auch der erste plumpsklo-freie Landkreis. Alle Medien wären uns sicher, Inland, Ausland – sie würden auf uns gucken. Und uns nachmachen.

Hans-Helmut Decker-Voigt ist als Schriftsteller mit Übersetzungen in zwölf Sprachen tätig und arbeitet musik- und psychotherapeutisch in Forschung und Praxis. Er ist per E-Mail erreichbar unter

Prof.Dr.Decker-Voigt@t-online.de. „Erinnerungen an heute“ finden Sie auch unter

az-online.de/kolumnen.

Von Hans-Helmut Decker-Voigt

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