Weltlich – Heilig

Heute sind zwei Festtage: „Allerheiligen“, das der katholische Teil der Menschheit als Feiertag begeht. Und das Schnaps-Datum 1. 11. 11, das von Heiratswilligen in Standesämtern und anderen Datums-Fixierten gefeiert wird.

„Meinem Mann ist sein Auto über alles heilig, tägliches Allerheiliges“, sagt Alexanders Frau über Alexander. Und das sagen viel mehr Frauen. Alexander selbst sagt, dass seine Liebe zu seiner Frau zum Allerheiligsten gehört. Und das sagen viel mehr Männer. Es gibt zwar sonst keinen direkten Bezug zwischen dem katholischen Allerheiligen und dem Auto, aber einen indirekten gibt es: Ganze Diplom- und Doktorarbeiten thematisieren unsere Anbetung des Autos als Nachfolge unserer Anbetung des Goldenen Kalbes, der Götter, Gott. Und: Auto als Mutterersatz, als Frau.

Natürlich ist „Auto“ sächlich, aber „tat-sächlich“ erfüllt es dieselbe Funktion wie ein Schiff, an dem – ob ganz klein oder groß, neu oder Oldtimer – fast allüberall ein weiblicher Name zu lesen ist und der Skipper, Reeder, Eigner, der verantwortliche Mensch an der Pinne - ein Mann. Unter dem Bugspriet großer Segel-Schiffe beschützt denn auch meist eine nixenähnliche Gestalt mit klaren weiblichen Attraktoren das Schiff samt Inhalt.

Alles, in was man etwas hineintun kann, erinnert uns an unsere erste Hülle, gibt in Nachfolge des Mütterlichen das Empfinden von Geborgenheit, Schutz und Wärme gegen die Unbill der Außenwelt. Sagt der in diesem Punkt unwidersprochen gebliebene Sigmund Freud und eine Menge Nachfolger(innen). Tat-sächlich, als meine Hülle jetzt nach Jahren ohne jede Panne einfach nicht anfahren wollte und vor dem St. Louis-Haus in Ligerz (französ. Schweiz) stehenblieb, mich nicht in die schützende Heimat (Ostzipfel der Lüneb. Heide) zurückbringen konnte – da ging mir neuerlich auf, dass die Hülle Auto wirklich sämtliche Funktionen einer guten Mutter ausübt, über deren Funktionieren man auch erst nachdenkt, wenn sie ausfällt. (M)ein Auto ist mobile Hülle, trägt einen, macht einen immobil ohne Zutun. Auto mit Radio/CD ist außerdem ein Konzertsaal (wie summende, singende Mütter es für ihre aufwachsenden Föten und Säuglinge auch sind). Auto ist Gasthof oder Mutterbrust, weil wir darin Durst und Hunger stillen. Auto ist letztes Körperpflege- und Kosmetikzentrum vor dem Aussteigen in die feindliche kalte Außenwelt. Auto ist Rückzugs-, oft Fluchtort vor Menschen, wenn wir diese satt haben – alles wie bei Mutter früher. Die Panne des Autos in der Schweiz schärfte meine Dankbarkeit für das Mütterliche an ihm. Und damit den Heiligen dieser Welt und denen, die diese Welt heilig gesprochen hat. Blasphemie? Nein, es hängt tatsächlich alles mit allem zusammen.

Hans-Helmut Decker-Voigt ist als Schriftsteller mit Übersetzungen in zwölf Sprachen tätig und arbeitet musik- und psychotherapeutisch in Forschung und Praxis. Er ist per E-Mail erreichbar unter Prof.Dr.Decker-Voigt@t-online.de. „Erinnerungen an heute“ finden Sie auch unter az-online.de/kolumnen.

Von Hans-Helmut Decker-Voigt

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