Erinnerungen an heute

Weihnachtswünsche in Tagebüchern

Hans-Helmut Decker-Voigt

• 1869: Der Knabe: Die Reparatur seines Holzreitpferdes (linkes Vorderbein gebrochen beim Reiten zu Dritt darauf, vor dem gewarnt war).

Das Mädchen: Die Reparatur der Puppe, die Mama ähnlich ist (dunkelblondes Haar, beim Geburtstag in einer Kerzenflamme versengt).

• 1904: Der Knabe: Er wünscht sich im Katalog für die Spielsoldaten den Reiter, der so aussieht wie der Kaiser in Feldherrnuniform.

Das Mädchen: Es wünscht sich den neuen Ausschneidebogen mit sogar 20 Engelchen aus Lackpapier – zum Aufkleben auf die Schultasche. Das sind mehr Engel als die Klassenbeste hat.

• 1921 (Inflation) Knabe: Er wünscht sich, das von den letzten zwei Weihnachtszeiten und von den zwei letzten Geburtstage her gesparte Geld in der Bahlsen-Keks-Dose umtauschen zu dürfen, wo es noch etwas wert ist: beim Christkind. Ziel: Eine der kleineren Kanonen für den nächsten Frankreich-Feldzug im Spielzimmer.

Mädchen: Es wünscht sich mangels Überklebe-Möglichkeit der Engel auf der bisherigen Schultasche die alte Tasche der Mutter vom Boden mit neuen Schlössern. Und braune Schuhwichse zum Nachpolieren.

Die Mutter: wünscht sich eine gebrauchte Nähmaschine, um Kleiderreste zu neuen Kleidern und zu kurze Hosen länger zu machen.

Der Vater wünscht sich Arbeit – egal welche. Und zu Weihnachten von den Eltern und Schwiegereltern (zusammen) eine Flasche Rotwein und ein Hähnchen.

• 1936: Der Junge wünscht sich für das Pony einen Sattel mit Hakenkreuzemblem – wie in der Reiterstaffel der Hauptstadt.

Das Mädchen (musikalisch) wünscht sich das Weihnachtsliederbuch „Es ist für uns eine Zeit angekommen...“ mit der von der Reichsschrifttumskammer genehmigten Textfassung und Akkordeonbegleitung fürs Singen im BdM.

Die Mutter: eine eigene kleine Glasvitrine im Wohnzimmer für das Mutterkreuz in Silber, wenn das 4. Kind zu Neujahr geboren wird.

Der Vater: Ein neues Schreibtischset mit Deutschem Adler und Hakenkreuz auf Füller, Bleistift und Tintenfasshalter und dem Kopf des Führers auf dem Grund des Aschenbechers (eingraviert, alles aus Amethyststein unterhalb des Obersalzberges).

• 1946: Die Großmutter und Mutter: Holz oder Kohle für den Ofen und Backpulver.

Der Großvater: Pfeifentabak aus den Buchenblättern in der Stadtforst.

• 2011: Ein Junge: Vollversion Uncharted 3 Drakes Deception.

Ein Mädchen: Ladyshaver silk epil LS 5660.

Die Mutter: Homemedics SP-10 HS 2 EU Shiaton Massage Kissen mit digitaler Wärmeanzeige.

Der Vater: A-Rival NAV-PNF 50 Navigation.

Die Großmutter: Gutschein für Volkshochschulkurs „Moderne Jugendsprache“.

(Der Großvater war letztes Jahr vor dem Fernseher endgültig eingeschlafen, um nicht wieder aufzuwachen (ARD-Volksmusiksendung „denn die ist noch echt“).

Von Hans-Helmut Decker-Voigt

Hans-Helmut Decker-Voigt ist als Schriftsteller mit Übersetzungen in zwölf Sprachen tätig und arbeitet musik- und psychotherapeutisch in Forschung und Praxis. Er ist per E-Mail erreichbar unter Prof.Dr.Decker-Voigt@t-online.de.

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