Verein musste Insolvenz anmelden

Bad Bevensen: Der Kaiser kommt nicht wieder

Kutsche mit Erhard Brandes als Kaiser und seiner Frau Sylvia Brandes-Nelz als Kaisergattin in Bad Bevensen
+
Im September 2019 rollt die Kutsche mit Kaiser Erhard Brandes und seiner Kaisergattin Sylvia Brandes-Nelz zum letzten Mal durch Bad Bevensen. Nach der mangels Masse eingestellten Insolvenz des Vereins wird es keine Neuauflage geben.
  • Gerhard Sternitzke
    vonGerhard Sternitzke
    schließen

Ein Missgeschick beim Erstellen eines Plans mit Parkmöglichkeiten brachte den Bevenser Verein „Der Kaiser kommt“ in finanzielle Schieflage. Der Fall landete vor dem Insolvenzgericht. Eine Neuauflage des Events wird es nicht geben.

Bad Bevensen – Als der Kaiser kommt, ist Bevensen noch ein kleines Kaff, ein Flecken. Keine Stadt, erst recht kein Bad. Auf dem Weg zur Jagd in der Göhrde macht der Monarch 1871 Station an der Ilmenau. Ein Spektakel in historischen Uniformen und Kleidern erinnerte alle zwei Jahre an dieses Ereignis. Zum letzten Mal rollte die kaiserliche Kutsche 2019 durch die Kurstadt. Eine Neuauflage wird es jedoch nicht mehr geben. Der Kaiser schwächelte schon vor Corona. Der Verein „Der Kaiser kommt“ ist in die Insolvenz gegangen.

Wir sind pleite.

Sylvia Brandes-Nelz, Vorstandsmitglied

„Wir sind pleite“, sagt „Kaiserin“ und Vorstandsmitglied Sylvia Brandes-Nelz ohne Umschweife. Der Niedergang des Kaisers nimmt 2016 seinen Lauf. Ein Mitglied des Vereins, der für das Spektakel bis zu 150 Darsteller auf die Straßen der Kurstadt bringt, markiert auf einem kostenlosen Stadtplan, der im Kurhaus ausliegt, die Parkplätze und stellt ihn, ohne sich etwas dabei zu denken, ins Internet. Auf dem Plan liegt aber ein Copyright.

Ein Verlag aus Berlin schickt eine dicke Rechnung über einen Betrag von 12 000 Euro.

Der Verlag aus Berlin schickt eine dicke Rechnung über einen Betrag von 12 000 Euro. Ein Rechtsanwalt kann die Summe auf 3400 Euro herunterhandeln. Der Verein unternimmt im vorigen Jahr eine Kraftanstrengung, zieht die Beiträge der 70 Mitglieder früher ein und wirbt Spenden ein, um das Geld aufzubringen. Doch obwohl der Verein das Corpus delicti und schließlich die komplette Internetseite löscht, finden die Abmahnanwälte irgendwo im Netz erneut die kopierte Karte.

Erhard Brandes stellte bei den Veranstaltungen den Kaiser dar

Der Vorstand geht daraufhin den Weg zum Amtsgericht. Zu holen ist von dem Verein nichts. So wird das Insolvenzverfahren mangels Masse im Januar eingestellt. „Wir haben alles privat gemacht. Dass sowas rauskommt, ist ärgerlich“, findet „Kaiser“ und Vorsitzender Erhard Brandes.

An einen Neustart ist aber auch aus anderen Gründen nicht zu denken. Der Kaiserbesuch ist plötzlich nicht mehr nur ein Stück Bevenser Geschichte, ein Kostümstück, Re-Anactment, wie man diese Darstellung früherer Ereignisse nennt. Der Kaiser ist plötzlich wieder politisch. Einen Vorgeschmack erlebte Brandes bereits bei dem Fest 2014. Damals verteilte die Antifa Flyer. „Du bist auch ein Nazi“, musste er sich anhören.

Seitdem rechtsextreme Corona-Demonstranten mit schwarz-weiß-roten Fahnen die Stufen des Reichstags stürmten, ist die Lage der Geschichtsdarsteller noch schwieriger geworden. „Mit denen möchte ich mich nicht gemeinmachen. Wie würden die Reaktionen sein, wenn wir das Gleiche tun. Das wäre undenkbar“, sagt Sylvia Brandes-Nelz und erinnert an die Debatte um das Onlineprofil eines Schülers am Uelzener Lessing-Gymnasium (AZ berichtete).

Ich bin weder ein Reichsbürger noch rechtsextrem. Wir waren einfach nur geschichtsbeflissen.

Sylvia Brandes-Nelz, Vorstandsmitglied

„Ich bin weder ein Reichsbürger noch rechtsextrem“, betont die Organisatorin aus Weste. „Wir waren einfach nur geschichtsbeflissen.“ Und dieses kleine Stück Historie lebendig werden zu lassen, sei mit ganz viel Arbeit verbunden gewesen. 150 Darsteller aus ganz Deutschland mussten koordiniert werden, eine Haftpflichtversicherung für die Kutschen abgeschlossen werden.

Der Kaiser weihte 1871 an der Dreikönigskirche das Denkmal für die im deutsch-französischen Krieg gefallenen Bevenser Soldaten ein. Dafür stiftete er auch die Kanonen. Es ging dem Verein um ein Stück Geschichte, nicht um reaktionäre Verherrlichung, betont Sylvia Brandes-Nelz. Deshalb nahmen im September 2019 auch Suffragetten an der Geschichtsdarstellung teil, die sich im Kaiserreich für das Frauenwahlrecht einsetzten.

Letzter Akt der Geschichte ist die Auflösung des Vereins „Der Kaiser kommt“. Einzelne Mitglieder, kündigt Erhard Brandes an, werden als Interessengemeinschaft weitermachen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare