Keine Kontrolle für Jugendämter

Ein Fall institutioneller Kindeswohlgefährdung?

Pflegemutter Sylvia Behringer mit ihren Pflegekindern
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Die Ebstorferin Sylvia Behringer will ihre Pflegekinder Finn und Marie (Namen geändert) nicht hergeben.
  • Gerhard Sternitzke
    vonGerhard Sternitzke
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Der Landesverband der Pflege- und Adoptivfamilien äußert sich zum Fall der Ebstorferin Sylvia Behringer, die sich gegen die Entscheidungen des Jugendamts in Uelzen wehrt.

Ebstorf – Die Ebstorfer Pflegemutter Sylvia Behringer kämpft um ihre Kinder (AZ berichtete). Der Träger hat ihr gekündigt, der Landkreis die Betriebserlaubnis entzogen, die Leistungen eingestellt und versucht, der leiblichen Mutter, die ihre Kinder bei der 49-Jährigen gut untergebracht sieht, das Sorgerecht zu entziehen. Auf den Bericht haben sich weitere Pflegemütter gemeldet, die Ähnliches erlebt haben. Auch der Landesverband der Pflege- und Adoptivfamilien äußert sich zu dem Fall.

Den Pflegekindern von Frau Behringer ist zu wünschen, dass das Jugendamt hier zugunsten des Kindeswohls einlenkt.

Silke Hagen-Bleuel, Vorsitzende Landesverband der Pflege- und Adoptivfamilien

„Den Pflegekindern von Frau Behringer ist zu wünschen, dass das Jugendamt hier zugunsten des Kindeswohls einlenkt, den Konflikt mithilfe der ombudschaftlichen Beratung beilegt und seiner Pflicht zur Sicherstellung der Hilfe zur Erziehung wieder nachkommt“, mahnt die erste Vorsitzende Silke Hagen-Bleuel.

Der Verband sei mit vielen solcher Konflikte befasst, in denen der Schutz und das Leben von Kindern von kommunalen Kassen sowie der Qualität der Jugendhilfeträger und Jugendämter abhängig seien.

„Leider müssen wir in unserer Krisen- und Beistandsarbeit für Pflegefamilien immer wieder feststellen, dass die strukturellen Rahmenbedingungen für Kinder in Fremdunterbringung regional sehr unterschiedlich und nicht immer gut sind“, berichtet Silke Hagen-Bleuel – und kritisiert weiter: „In der Kinder- und Jugendhilfe fehlen bundesweit einheitliche Fachstandards, an die sich die Träger der öffentlichen Jugendhilfe und auch freie Träger halten müssten.“

Und wo sie existieren, seien sie für die Landesbehörden kaum durchsetzbar. „Das liegt unter anderem daran, dass Jugendämter keiner Weisungspflicht, keiner Fachaufsicht, keiner regelmäßigen Überprüfung und keiner Evaluationspflicht unterliegen“, kritisiert der Verband. „Daraus resultieren teilweise ungeeignete und rechtswidrige Verfahren und Vorgaben.“

In Verbindung mit mangelnder Ausstattung, finanziellem Druck und fachlichen Defiziten einzelner Entscheidungsträger in Behörden komme es immer wieder zu Fallverläufen, die von Kinderschutzexperten als institutionelle Kindeswohlgefährdung bewertet würden. Die lebenslangen Auswirkungen von Alkohol in der Schwangerschaft auf die Kinder seien in vielen Jugendämtern immer noch nicht bekannt genug oder würden aus Kostengründen geleugnet.

Hinzu komme die Traumatisierung der Kinder durch die Trennung von den Herkunftseltern. „Sie profitieren von einem geschützten Rahmen in einer Familie, die sie so akzeptiert, wie sie sind und ihnen heilende Erfahrungen ermöglichen“, betont Silke Hagen-Bleuel. Aufgrund ihrer Behinderung bräuchten die Kinder eine Eins-zu-eins-Betreuung. „An 365 Tagen, zu jeder Minute und ohne Entlastung ist das für Pflegeeltern nicht leistbar, weil auch sie Erholungszeiten brauchen oder einfach krank werden können“, betont die Vorsitzende.

Die Vorgehensweise des Jugendamtes und des Trägers der freien Jugendhilfe verhindere eine konstruktive Zusammenarbeit auf Augenhöhe in Bezug auf die Bedürfnisse der Pflegekinder, urteilt Silke Hagen-Bleuel. Und weiter: „Teilweise systematisch aufgebaute verwaltungstechnische Hemmnisse bei der Leistungsgewährung sollten umgehend und konsequent beseitigt werden, damit die Kinder die ihnen zustehenden Sachleistungen sowie die nötige Hilfe zur Erziehung bei der sie seit Jahren pflegenden Familie wieder erhalten.“

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