Wo man trinkt,…

…da lass Dich ruhig nieder. Sie lasen schon richtig: Im Titel steht nicht „singt“, sondern „trinkt“. Ich erlaube mir diese gesundheitsschädigende Änderung der nicht nur von Martin Luther propagierten Empfehlung, sich vorzugsweise an Orten niederzulassen, an denen gesungen wird – also in der Kantorei, in weiteren Chören, ab und an im Konfirmandenunterricht, sehr vereinzelt noch in Familien, langsam wieder zunehmend in Schulen...

Nein, es empfiehlt sich heute die Niederlassung dort, wo tüchtig getrunken wird, nicht Alkohol – Wasser! Genauer: Wasser mit und ohne Kohlensäure. Wasser in jenen durchsichtigen Plastikflaschen, die inzwischen aus den Rucksäcken aller Schülerranzen ragen, aus Schülerrucksäcken, aus den Laptop-rucksäcken von Studenten und aus den Aktentaschen von uns, die wir die Arbeitszeit in Schule oder Büro nur noch mit diesem Wasser des Lebens überleben. Deshalb zeigen sie sich jetzt überall, diese Flaschenhälse, diese Nachfolger der Mutterbrust (an eben derselben orientieren sich auch erste psychologisch gewiefte Flaschenhersteller).

Die Phänomene dieses Trinkens im Blick auf sein zeitliches Vorkommen: Es findet kaum in Pausen statt. Meistens während etwas. Während des Unterrichts, während der Team-Sitzung, während der Vorlesung, während des Konfirmanden- oder Fortbildungsunterrichts. Zweites Phänomen nach der Zeit im Raum: Dies Trinken findet nach dem Domino- oder Ketten-Effekt statt: Hebt sich gerade zum Beispiel während einer Klassenarbeit eine Flasche, dann hebt sich sogleich die zweite, dritte, bis eine Galerie von Flaschen im optischen Kanon in die Luft weist. Drittes Phänomen (im Hörbereich): Man hört in der unmittelbaren Nachbarschaft eines Dürstenden das Aufschrauben mit eventuell entweichender Kohlensäure, dann das Gluckern der sich wieder mit normalem Sauerstoff nachfüllenden Leerräume der Flasche. Man hört das Zu-Schrauben und vereinzelt das je nach Erziehung unterdrückte Rülpsen (Kohlensäure vorausgesetzt). Manche Flaschen sind besonders knackig: Sie knacken bei ihrer Materialdehnung. Hochsoziale Mitmenschen bieten auch den Nachbarn dieselbe Flasche an, wo sich alles wiederholt.

Ich sehe sie jetzt überall, diese inflationär in menschlichen Hälsen verschwindenden Flaschenhälse.

Trinknormen ändern sich wie alles. Einer der Gründe sind wir, die Erzieher, die Eltern, die Lehrer und Hochschullehrer, Pastoren im Konfirmandenunterricht und so weiter, denn wir fingen damit an. Inzwischen balancieren nicht wenige von uns auch Kaffee- und Tee-tassen in den Unterricht, tragen manchmal ganze Thermosflaschen in unsere Gruppen während deren Lernens. Vereinzelt ist aus Lehrer-Thermospullen schon Hühnerbrühe zu riechen.

Ich begreife: Auch ich kann nur überleben, wenn ich möglichst viel trinke. Ich werde ab jetzt auch zur Flasche greifen. P.S.: Gab es da nicht eine statistische Zahl von der Uni München, dass Alkoholkranke in ihrer vorvorletzten Sucht-Stufe klaren Schnaps in eben diesen Flaschen überall hin schmuggeln? (Klarer Heide-Schnaps ist übrigens geruchsfrei…).

Hans-Helmut Decker-Voigt war von 1990 bis 2010 Mitbegründer und Gründungsdirektor des Instituts für Musiktherapie der Hochschule für Musik und Theater Hamburg und ist seit 1997 Präsident der Herbert-von-Karajan-Stiftung Köln. Er ist per E-Mail erreichbar unter Prof.Dr.Decker-Voigt@t-online.de. „Erinnerungen an heute“ finden Sie auch unter

az-online.de/kolumnen.

Von Hans-Helmut Decker-Voigt

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