Totschlag-Argument Markt

Von Jörn Nolting - Die Zeiten, in denen man sich ernährungstechnisch selbst versorgt, sind vorbei. Dabei ist die Vorstellung doch eigentlich schön: Ein paar Hühner im reichhaltigen Obst- und Gemüsegarten und am besten noch eine Milchkuh dazu.

Doch wer berufstätig ist, der steht vor einem Problem, denn die Haltung der Tiere ist zeitaufwändig und sie können nicht mal eben so nebenbei versorgt werden. Also überlässt man anderen diese Arbeit – den Landwirten. Über die Hähnchenmast lässt sich trefflich streiten. Doch wer seinen Lebensunterhalt damit verdient, dem reichen keine zehn Hühner im Garten. Wenn sich also ein Landwirt entscheidet, einen Hähnchenmaststall zu bauen – wie jetzt in Varbitz – dann wird er sich rein rechnerisch damit beschäftigt haben, ob sich dieses Unterfangen wirtschaftlich lohnt oder nicht. Zwei Fragen stehen nämlich im Raum: Die Frage nach der Wirtschaftlichkeit und die Frage nach dem Tierschutz. Wirtschaftlich geht der Landwirt vielleicht ein Risiko ein, aber das bleibt bei diesem Beruf leider nicht aus – wie in der freien Wirtschaft eben auch.

Tierschutzrechtlich muss er sich an bestehende Gesetze halten. Das muss auch eine Großschlachterei, egal zu welcher Firma sie gehört. Schwarze Schafe gibt es leider immer. Natürlich sind die Argumente der Gegner oft überzeugend. Eine Bürgerinitiative, die in ihrem Ort keine Hähnchenmastanlage will, ist die logische Konsequenz. Und oft hat sie eine still schweigende Mehrheit hinter sich.

Doch letztendlich gibt es ein Totschlagargument: den Markt. Ist keine Nachfrage für ökologisch korrektes Hähnchenfleisch vorhanden, dann lohnt es sich für Landwirte auch nicht, es herzustellen. Wer als Kunde im Moment bereit ist, den doppelten oder dreifachen Preis zu bezahlen, der bekommt sein Bio-Fleisch von glücklichen Hühnern. Deshalb sollten sich Aktionen von Bürgerinitiativen gerade auf kleinen Dörfern wie Varbitz nicht auf bestimmte Personen abzielen, sondern auf die Sache an sich aufmerksam machen und das Bewusstsein der Verbraucher schärfen. Das ist vermutlich der langwierigere Weg, aber setzt dort an, wo das Übel steckt.

Völlig nachvollziehbar ist der Widerstand gegen den Bau des Stalles im Ort. Denn Fakt ist: Wer will denn einen Hähnchenmaststall direkt vor der Haustür? Wohl keiner. Und angenommen, die Großschlachterei würde nicht in Wietze, sondern im Landkreis Uelzen entstehen, dann hätte die Bürgerinitiative vermutlich regeren Zulauf als jetzt. Denn dann würden auch andere Einwohner auf die Barrikaden gehen – wie beim Castor.

joern.nolting@cbeckers.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare