Protest bei Wolfsberaterin: Landwirt verstößt gegen Tierkörperbeseitigung

Totes Kalb in Bahnhof Brockhöfe: Polizei ermittelt wegen Nötigung

Totes Kalb mit hervorstehenden Rippen auf einer Plane
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Weil Landwirt Dieter Schwutke ein totes Kalb in die Einfahrt von Wolfsberaterin Katja Hildebrandt-Mertins gelegt hat, ermittelt die Polizei nun auch wegen Nötigung. Umweltminister Olaf Lies verurteilt die Tat.
  • Gerhard Sternitzke
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Die Protestaktion von Weidetierhalter Dieter Schwutke hat ein Nachspiel. Der Holdenstedter Landwirt hat am frühen Nachmittag des 16. März ein offenbar von einem Wolf gerissenes Kalb in der Hauseinfahrt von Wolfsberaterin Katja Hildebrandt-Mertins in Bahnhof Brockhöfe abgelegt.

Bahnhof Brockhöfe – Die 48-Jährige hat Anzeige erstattet. „Das ist im Endeffekt ein Verstoß bezüglich des Tiernebenproduktebeseitigungsgesetzes“, erklärt Polizeisprecher Kai Richter auf AZ-Nachfrage. „Parallel wurde ein Verfahren wegen des Verdachts der Nötigung eingeleitet.“ Geprüft werde von der Staatsschutzabeilung auch, ob der Tatbestand der Bedrohung vorliege.

Die Aktion zeigt, dass die Nerven bei vielen Weidetierhaltern blank liegen

Die Aktion mit dem zottigen Kadaver, aus dem Rippen und Eingeweide herausschauen, zeigt, dass die Nerven bei vielen Weidetierhaltern blank liegen. In diesem Fall richtet sich der Zorn des 66-jährigen Landwirts gegen die vom Umweltministerium beauftragte ehrenamtliche Wolfsberaterin, die üblicherweise Wolfsrisse begutachtet, DNA-Proben nimmt und damit die Voraussetzung für Entschädigungszahlungen des Landes schafft.

Wir Wolfsberater werden verantwortlich gemacht für die Situation, obwohl wir für das Land nur die Daten erheben. Hier wird Druck aufgebaut: „Gib deine Tätigkeit auf!’“

Volker Einhorn, Wolfsberater

Hildebrandt-Mertins’ Kollege Volker Einhorn hat kein Verständnis für Schwutkes Aktion: „Wir Wolfsberater werden verantwortlich gemacht für die Situation, obwohl wir für das Land nur die Daten erheben“, meint der Wolfsberater. „Hier wird Druck aufgebaut: ,Gib deine Tätigkeit auf!’“

„Mit dem heutigen Tage schenken wir Ihnen unser Absetzergalloway DE 03 632 28767. Viel Freude mit diesem schönen Tier!“, höhnt Schwutke in dem Schreiben unter seinem offiziellen Briefkopf, das der AZ vorliegt. Und er fügt hinzu: „Es wäre nett, wenn Sie mir die Ergebnisse der DNA-Probe übersenden. Danke.“

Einbissspuren am Hals des toten Kalbs deuten auf einen Wolf als Verursacher hin

Die wird der Landwirt jedoch nicht erhalten. Es gab zwar Einbissspuren am Hals, die auf einen Wolf als Verursacher hindeuten, den Kadaver hat jedoch gestern der Abdecker abgeholt, wie das Kreisveterinäramt mitteilt. Die Kosten muss der Landwirt tragen. Zuvor gab es jedoch eine Untersuchung.

„Der Kadaver des Galloway-Jungviehs wies eine großflächige Öffnung der Bauchhöhle auf. Teilweise fehlten Organe oder waren geschädigt“, berichtet Kreissprecher Martin Theine. „Die Wundränder wiesen typische Merkmale auf, die für ein Befressen von Wildtieren sprechen.“ Die Verletzungen deuten aus Sicht des Veterinäramts auf einen Angriff durch große Beutegreifer hin.

Gleichzeitig überprüft die Behörde Schritte gegen den Bauern. „Die Tierkörperbeseitigung erfolgte nicht ordnungsgemäß. Weder der Transport des Kadavers auf öffentlichen Wegen noch die Art und Weise der hier erfolgten Aufbewahrung und Entsorgung sind zulässig“, stellt Theine klar. Eine Ahndung der Tatbestände werde geprüft.

Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) verurteilt das Ablegen eines toten Kalbs bei einer Wolfsberaterin in Bahnhof Brockhöfe

Umweltminister Olaf Lies verurteilt die Tat. „Wenn tote Rinder vor Haustüren von Wolfsberatern abgeladen und Hochsitze von Jägern angezündet werden, sind für mich ganz klar Grenzen überschritten“, betont der SPD-Politiker. „Den direkt Verantwortlichen – aber auch allen anderen – muss klar sein: Mit dieser Art der Eskalation kommen wir nicht weiter. Ganz im Gegenteil: Solche Aktionen sind nicht hinnehmbare und unakzeptable Rückschritte“, stellt Lies klar. „Sie führen uns weg von der notwendigen sachlichen Diskussion, um am Ende vernünftige Lösungen für beide Seiten zu finden – im Sinne des Artenschutzes und der Weidetierhaltung. Dass vor allem Weidetierhalte oft hilflos vor ihren gerissenen Tieren stehen, ist ja durchaus nachvollziehbar.“

„Wenn tote Rinder vor Haustüren von Wolfsberatern abgeladen und Hochsitze von Jägern angezündet werden, sind für mich ganz klar Grenzen überschritten.

Olaf Lies, Umweltminister

Es müsse alles daran gesetzt werden, dass das Thema Wolf in Niedersachsen jenseits dieser Extreme weiter sachlich diskutiert werde. „Das Leben mit dem Wolf ist die neue Normalität. Und zu der eben auch gehört, dass einzelne Tiere aus auffälligen Rudeln nach sorgfältiger Prüfung auch weiterhin geschossen werden“, erklärt der Umweltminister. „Das muss allen Beteiligten klar sein.“

Auf eine Enschädigung des Wolfsrisses kann Landwirt Schwutke nicht hoffen. Eine DNA-Probe hat weder die Wolfsberaterin noch das Veterinäramt genommen.

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