Teures Pinkeln

Von Hans-Helmut Decker-Voigt - Zugegeben kein sehr adventliches Thema, eher das Gegenteil. Aber zum Gegenteil gehört meist ein Teil, das eben zum Gegenteil gehört, sonst hätten wir keine Gegenteile.

Also: Pinkeln oder mehr kostete (für Männer und Frauen) bei der Toilettenbenutzung auf den meisten deutschen Autobahnraststätten bisher 50 Cent, einen halben Euro (eine ganze Mark!). In diesen weißgekachelten Hallen tönt mir nun leise aus den Lautsprechern das durchaus aktuell gültige Adventslied entgegen: „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“, allerdings ohne Worte und nicht mit Blockflöte, sondern elektronisch so arrangiert, dass nur die Melodie erkennbar bleibt. Die wird jetzt leiser und im Vordergrund spricht eine leicht hauchige, aber warmherzige Frauenstimme (wahrscheinlich raunt bei den Frauentoiletten eine bassbaritonale warmherzige Männerstimme). Sie wünscht einem gute Zeit in „unseren Wohlfühl-Räumen“ und frohe Weihnachten. Jetzt schleicht sich „Kling Glöckchen, klingelingeling…“ crescendierend durch die Lautsprecher rein. Gott sei Dank: Das ist weltlichere Musik. Die wird auch leiser und die Toiletten-Frauenstimme aus dem PC versichert, dass das Personal sein wirklich Allerbestes für die Säuberung vor und nach unseren Entleerungen tut und die Plakate über den Pinkelbecken nähmen einem die Suche nach guten Weihnachtsgeschenken ab: billigste Reifenangebote oder Kaminöfen oder Autohändler fürs Gebrauchte – mit Weihnachtsrabatt! Danach folgt – meine vegetative Erstarrung (sehr hinderlich an solchen Orten) setzt wieder ein – diesmal „Stille Nacht, heilige Nacht“, übertönt vom Mitbrummen des Toilettenmannes (eine Terz tiefer), der auch mitsingen will. Wir waren beim überhöhten Preis für diese künstlerisch umrahmte Harnentleerung. Statt 50 wird die Überhöhung jetzt aber noch erhöht: 70 Cent! Also fast einen dreiviertel Euro, fast eine Mark fünfzig. Natürlich kann man diese 70 Cent wie auch die früheren 50 Cent bei der Tankstellen-Kasse beim Kauf für neue Getränke oder Sandwiches oder Würstchen anrechnen lassen. Sogar voll anrechnen. Ich rief Werner an, zwar ein studierter Betriebswirt, aber trotzdem Abo-Inhaber symphonischer Konzerte, in denen er neben mir sitzt. Er ist was Leitendes bei einer der Lieferketten für BAB-Betriebe. „Mein Lieber“, dozierte er, „Du pinkelst noch viel teurer als Du weißt. Jedes Sandwich und jedes alkoholfreie Bier ist hochkalkuliert. Und die Musik, die die da spielen, kostet auch – 1, 6 Milliarden jährlich, GEMA und so.“ Mein Entsetzen, dass mir derzeit die Advents- und Weihnachtslieder verleidet würden, weil ich (und musikpsychologisch bewiesen nicht nur ich) in Folge der Weihnachtsmusikschallung beim Pinkeln bei jeder Wiederholung dieser Weihnachtslieder außerhalb von Toiletten (zum Beispiel Heiligabend in der Kirche) eben an Toiletten und so denken müsse, an billige Reifen und Kaminöfen, schmetterte er ab: „Wir können wegen Euch Sensibelchen doch nicht auf Umsatz verzichten. Christliches zieht nun mal.“ Ich werde während der Advents-und Weihnachtszeit woandershin ausweichen. Hans-Helmut Decker-Voigt ist per E-Mail erreichbar unter Prof.Dr.Decker-Voigt @t-online.de.

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