Oetzendorfer Hartmut Wittenberg erforscht in der Türkei historische Leitsysteme der Hethiter

Dem Wasser verfallen

Für die Untersuchungen mussten Bohrungen angestellt werden.

Oetzendorf/Suderburg/Hattuscha. Oetzendorf, Suderburg, Lüneburg – da gibt es eine Verbindung zu Hattuscha in der Türkei, der Stadt der Götter und Tempel der Hauptstadt der Hethiter. Das Volk ist durch einige Bibelstellen bekannt.

Man mag da an Archäologie denken, Stadtarchäologie, wie sie auch in Uelzen Auskünfte über Menschen und Leben in der Ansiedlung vor vielen Jahren gab. So auch an Hattuscha.

Die Stadt erlebte ihre Blüte bereits vor rund 3500 Jahren. Die Verbindung von hier zu dort geht über eine Person: Prof. Dr. Ing. Hartmut Wittenberg. Der Oetzendorfer war Dozent in Suderburg und noch an der Leuphana in Lüneburg teilaktiv. International ist er in der hydrologischen Forschung und als Berater bei Wasserprojekten engagiert. Ein Statement von ihm lautet: „Ob Wasserwirtschaft in Burkina Faso oder Niedrigwasser an der Ilmenau – wir müssen uns kümmern und schlaue Lösungen finden.“

Prof. Dr. Ing. Hartmut Wittenberg

Die Archäologen waren dort in der Ruinenstadt – etwa 200 Kilometer östlich von der türkischen Hauptstad Ankara gelegen – und haben erstaunliche Erkenntnisse über Kultur und Geschichte der Hethiter hervorgebracht. Bei der Frage der Wasserversorgung vor 3500 Jahren waren sie jedoch „mit ihrem Latein am Ende“, konnten keine nachvollziehbaren Erklärungen finden und baten den Hydrologen Wittenberg um Mithilfe. „Es gab abenteuerliche Hypothesen“, erklärt Prof. Wittenberg leicht schmunzelnd, der der Bitte um fachkundigen Rat gerne folgte und vor Ort in der Grabungssaison inmitten der Archäologen und Studenten forschen durfte. Wittenberg war inzwischen im Laufe der letzten Jahre bereits viermal vor Ort. Die Vegetation dort ist steppenartig karg und baumlos.

„Eine Herausforderung für mich“, sagt er, „hier bekam ich Gelegenheit meine Erfahrungen als Hydrologe und moderner Wasserbauingenieur in eine interdisziplinäre Zusammenarbeit einzubringen.

Wenige Zisternen, Wasserbecken und Quellbrunnen entdeckten die Archäologen. Lange blieben vollkommen sedimentierte Wasserspeicher in Hanglage in Form mehrerer Teiche unentdeckt, ihre Oberflächen wurde für Ackerbau oder als Weide genutzt. Es stellte sich die Frage, wie und wo diesen großen – inzwischen verlandeten – Teichen Wasser zugeführt und entnommen wurde. Oberflächenwasser im Stadtgebiet gab es nicht. Wurde den Teichen über Leitungen Wasser von außerhalb der Stadtmauern zugeführt?

Prof. Wittenberg ließ Grundwassermessstellen einrichten. „Die Bohrungen führten wir in acht Meter Tiefe“, so Wittenberg. „Wöchentlich wurden die Grundwasserstände mit einem Kabellichtlot gemessen.“ Messen, dokumentieren, auswerten, Zusammenhänge finden. Im Sommer sehr niedrig, steigen die Wasserstände zum Winter um mehrere Meter, so dass das Wasser sich in die abgedichteten Teiche ergießen konnte, für die Nutzung im Sommer. „Es konnte geschlussfolgert werden, dass beim hethitischen Wasserbau die Speicher wesentlich durch den Anschnitt Grundwasser führenden Schichten gefüllt wurden. Diese einfache Technologie erlaubte eine sichere Wassergewinnung und -bevorratung.

Hinter dem, was so kurz beschrieben als Ergebnis gefolgert wurde, steckt eine ausdauernde, wissenschaftliche, komplexe Forschungsaufgabe – und das mitten in der Türkei, in einer Ruinenstadt auf steil ansteigendem Gelände. Um das überhaupt ermöglichen zu können, mussten viele behördliche Genehmigungen eingeholt werden und Unterstützung durch eine Stiftung, dem Deutschen Archäologischen Institut in Istanbul und die DWhG (Deutsche wasserhistorische Gesellschaft), die wissenschaftliche Bildung, Forschung und Information über die Geschichte des Wasserwesens und die damit im Zusammenhang stehenden Gebiete fördert.

Prof. Hartmut Wittenberg hat geklärt, wie die alte Metropole der Hethiter, in der viele tausend Menschen lebten und deren Haushalte, Gärten, Vieh, Werk- und Kulturstätten mit Wasser versorgt, vor Feuer geschützt wurden – vor allem im heißen Sommer. Die Ergebnisse trafen in Fachveranstaltungen im In- und Ausland auf großes Interesse.

Von Ute Bautsch-Ludolfs

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