Mindestlohn wirft an Hochschule Fragen auf: Weniger Stellen für Praxisphase

Schwund bei Praktika

Suderburg/Landkreis. Beim Career Service der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften laufen derzeit die Telefone heiß. Grund ist die Einführung des flächendeckenden Mindestlohns, der bei vielen Unternehmen und Studenten Fragen aufwirft.

Thomas Hoffmann, Leiter der Hochschulanlaufstelle für Angelegenheiten rund um den Beruf, berichtet von einer „Grauzone“ bei der Bezahlung freiwilliger Praktika von Studierenden.

Fest steht: Wer länger als drei Monate in einen Job hineinschnuppert, hat seit Januar Anspruch auf den Mindestlohn. Ausgenommen sind sogenannte Pflichtpraktika im Rahmen von Schule, Ausbildung und Studium.

Unklar, so Hoffmann, sei aber, ob nach den drei Monaten Pflichtpraktikumszeit im letzten Studiensemester eine freiwillige Fortsetzung der praktischen Phase von maximal drei Monaten mit 8,50 Euro pro Stunde bezahlt werden muss.

Die Folge: Viele Unternehmen würden – um auf der sicheren Seite zu sein – einen Praxisplatz nur für die von der Hochschule vorgeschriebene Mindestdauer vergeben. Bislang jedoch sind, laut Hoffmann, mehr als 50 Prozent aller Studierenden länger in den Betrieben geblieben.

Diese Unklarheit wurde der Ostfalia auch von der Gewerkschaft ver.di bestätigt. Auf Grundlage dieser Stellungnahme sei zunächst anzunehmen, dass Ausbilder auch nach den ersten drei Monaten keiner Vergütungspflicht unterworfen seien.

Auch der Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Lüneburg-Wolfsburg, Michael Zeinert, geht davon aus, dass die Bereitschaft, ein Langzeitpraktikum anzubieten, vor dem Hintergrund des zu zahlenden Mindestlohns bei vielen Unternehmen rückläufig sei. Dabei profitierten diese von der Praxiszeit: „Man bekommt einen sehr genauen Blick auf einen potenziellen Mitarbeiter.“ Langzeitpraktika, so Zeinert, seien unter anderem im Maschinenbau und in der Ernährungsindustrie üblich.

Den Abwärtstrend bestätigt auch eine Umfrage der Arbeitgeberverbände, darunter NiedersachsenMetall als Verband für die Schlüsselbranche. Demnach stellt jedes siebte Unternehmen in der Dienstleistungsbranche gar keine Praktikanten mehr ein. In der Metall- und Elektroindustrie plant ein Drittel mit kürzeren Zeiträumen, und auch bei den Autobauern ist dieses Vorhaben mit 18 Prozent Anteil eine gängige Reaktion.

Und die Mitarbeiter der Ostfalia Hochschule stehen mit ihren Fragen offenbar nicht alleine da: „Gerade in der Einführungsphase scheint es schon noch Unsicherheiten zu geben“, sagte zuletzt Susanne Reink von der Bundesfinanzdirektion Mitte.

Der allgemeine, flächendeckende Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde gilt seit dem 1. Januar. Rund 590 000 Menschen werden in Niedersachsen nach Angaben des Deutschen Gewerkschaftsbundes davon profitieren.

Von Anna Petersen

Rubriklistenbild: © dpa

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