„Schon 5 nach 12“

Ein Fest mit Biokäse und vielen Leckereien von Mühlenprodukten.

Bohlsen - Von Jürgen Köhler-Götze. Man war sich nicht so sicher, ob die hochkarätig besetzte Runde viele Besucher zur Podiumsdiskussion anziehen würde. Tanja Busse, Autorin der Bücher „Die Ernährungsdiktatur“ und „Die Einkaufsrevolution“, war es wohl vor allem, die trotz des unfreundlichen Wetters viele Interessenten nach Bohlsen lockte. Die profunde Kennerin der Öko-Branche freute sich, „zwischen Pionieren der Öko-Branche auf der Bühne zu sitzen“, darunter Carsten Bauck, der wenig Kilometer entfernt Geflügel nach Demeter-Standards hält und Mühlenchef Volker Krause, der „die Mühle zu einer Zeit auf Bio umgestellt“ hat, „als es noch gar keinen Markt dafür gab“.

Bei der Nahrungsmittelproduktion „ist es eigentlich schon 5 nach 12“, so Krause. In Deutschland liege der Anteil von Bio-Produkten immer noch unter vier Prozent. Und das, obwohl 80 Prozent der Verbraucher behaupten, sie würden ökologisch korrekt erzeugte Lebensmittel vorziehen. „Bei Fair Trade Produkten dürfte sich der Anteil bei 0,15 Prozent bewegen“, ergänzte Jürgen Knirsch, Greenpeace-Experte für nachhaltigen Konsum. „Weniger ist manchmal mehr“, erinnerte er daran, dass etwa ein Drittel der weltweit erzeugten Lebensmittel auf dem Müll landen. Bewusster einkaufen, heißt sein Rat, weniger und Besseres. Und nicht vergessen, dass man nebenbei der Politik Druck machen müsse, etwa deswegen, damit sie den Weltagrarbericht nicht einfach in der Schublade ablege. Da stehe nämlich beispielsweise, dass wir Europäer zu miserablen Bedingungen Futter für die Fleischproduktion in der Dritten Welt erzeugen lassen, nur um das hier unter tierquälerischen Bedingungen erzeugte Fleisch zu subventionierten Preisen auf ausländische Märkte zu drücken, die damit zerstört werden – mit deutschen Steuergeldern. „Wir haben uns zurückgezogen und kommentieren nur noch, statt zu agieren“, beschrieb Knirsch das Verhalten auch kritischer Konsumenten.

Bei einem Werbeetat von jährlich 20 Milliarden Euro sei es auch recht schwierig, mittels Argumenten ein Bewusstsein für einen ökologisch korrekten Konsum zu erzeugen, beschrieb Autorin Tanja Busse die Schwierigkeit, selbst bei den eigenen Kindern durchzudringen.

„Ich warte nicht auf Verbraucher“, brachte Volker Krause seinen Ansatz auf den Punkt. Er versuche, durch eigenes Handeln einen Markt zu schaffen. Vor 31 Jahren hat er die Mühle kurz vor ihrer Pleite auf Bio umgestellt, „da gab es den Markt noch gar nicht“, und die Mühle existiert immer noch.

Carsten Bauck plädierte für einen Ansatz der Kunden direkt beim Produzenten: „Hingehen zum Bauern und in den Stall gucken! Das bewirkt etwas.“ Und die Trennlinie mag er auch nicht zwischen Bio und Konventionell ziehen. „Klar ist Bio besser, aber es gibt auch hier eine Grauzone und bei konventionellen Bauern viele, die richtig gut arbeiten.“ Und den moralisch wackelnden Zeigefinger hält er gar für schädlich: „ Alles muss besser werden und ich bin dafür, dass ich dagegen bin – diese Haltung ist schwierig.“

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