Orgasmus im Hutladen

Hubertus Meyer-Burckhardt liest in Bohlsen aus „Meine Tage mit Fabienne“

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Lebhaft und präsent hatte Hubertus Meyer-Burckhardt sein Publikum sowie im Wechsel Buch, Wasser- und Weinglas im Griff.

Bohlsen. Der Saal im Bohlsener Landhaus Borchers rappelvoll, die Speisen und Getränke fein und prickelnd, der Star in Höchstform:

Hubertus Meyer-Burckhardt, Filmemacher, Moderator und Buchautor, brauchte – viele kennen das von dem Fernsehunterhalter nicht anders – nur eine Millisekunde, um bei seiner Lesung aus „Meine Tage mit Fabienne“ heiß zu laufen und den Gästen über zwei Stunden einen überaus unterhaltsamen Abend zu bescheren.

Die Gäste in der ersten Reihe warnt er zur allgemeinen Erheiterung zunächst vor seiner feuchten Aussprache, verspricht im Gegenzug aber, dass dadurch ihre Gläser immer voll blieben. Er äußert sich wissend über das Interesse der weiblichen Zuhörer an seiner Person – „Ist der Meyer-Burckhardt dicker oder dünner als im Fernsehen?“ – und gibt sich mitfühlend mit den Männern: „Ich weiß, Sie wären lieber woanders“, zumal Barbara Schöneberger, seine Co-Moderatorin in der NDR-Talkshow, nicht dabei sei.

Als „erotischer Leckerbissen“ sei sein neues, drittes Buch einmal bezeichnet worden, berichtet Meyer-Burckhardt, um gleich die nächste Pointe zu setzen: „Wenn dieses Buch ein erotischer Leckerbissen für Sie ist – dann möchte ich Ihr Privatleben nicht haben...“

Der lebhafte Unterhalter Meyer-Burckhardt zeigt sich lesend als kreativer Erzähler. In seiner Geschichte um den Ich-Erzähler Kannstatt und die Hutmacherin Fabienne erschließt sich die männliche Hauptfigur ihrer Umgebung vornehmlich über das Gehör. Die Originalität der vorgetragenen Zeilen lassen an Patrick Süßkind denken der, in „Das Parfüm“ einen ähnlichen Kniff mit dem Geruchssinn überaus erfolgreich wagte.

Bei ihrem Einzug in das Mehrfamilienhaus in Berlin Moabit erzeugt Fabienne zum Missfallen von Kannstatt zunächst viel Getöse, um ihn kurz darauf erst mit ihrem elsässischen Akzent in der Stimme zu verzaubern und anschließend mit der Ankündigung zu verstören, häufig, laut und leidenschaftlich – aber sicherlich nicht mit ihm, dem deutlich Älteren – Sex haben zu werden. Das Eis bricht Kannstatt, indem er erwidert, sich nicht im Obergeschoss über Orgasmen aufregen zu können, für die er gleichzeitig in ihrem Hutladen im Erdgeschoss verantwortlich sei.

Die Wege der Protagonisten trennen sich, und ein Wiedersehen deutet Meyer-Burckhardt nur an, indem er Kannstatt in der letzten vorgetragenen Passage in einem mallorcinischen Restaurant Zeilen „in einer vertrauten Handschrift“ entdecken lässt – „aber was dort steht, werde ich Ihnen todsicher nicht verraten“, beendet er seine Lesung, um abschließend die Neugierde der Zuhörer noch zu steigern, indem er feststellt: „Sie wissen jetzt gar nichts über das Buch.“

Von Steffen Kahl

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