Die Wölfe kamen über den Bach

Nach Rissen in seiner Schafherde: Hans-Jürgen Drögemüller fordert Abschuss auffälliger Tiere

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Auf der Wiese von Hans-Jürgen Drögemüller wurden sechs Schafe gerissen, ein weiteres ist im Stahlbach ertrunken. Der Böddenstedter glaubt, dass Wölfe seine Herde angegriffen haben.

Böddenstedt. „Irgendwann macht es keinen Spaß mehr“, sagt Hans-Jürgen Drögemüller und blickt konsterniert auf seine Wiese am Ufer des Stahlbachs in Böddenstedt.

Der Böddenstedter Hans-Jürgen Drögemüller mit einem der Schafskadaver auf seiner Wiese.

Was der Schaf- und Geflügelzüchter gestern gegen 8 Uhr dort entdecken musste, hat ihn sichtlich mitgenommen. Sechs Kadaver seiner Quessantschafe liegen verstreut im Gras, ein siebtes totes Tier hängt kopfüber im Wasser des Bachs. „Mir kann keiner erzählen, dass das ein Hund angerichtet hat“, sagt Drögemüller mit Bitterkeit in der Stimme. „Das waren Wölfe.“ Bei einigen der gerissenen Schafe hängen Gedärme aus dem Bauch. Von einem Tier sind nur noch Fellreste und Knochen übrig, den Rest haben die Angreifer gefressen. „Die Wölfe müssen vom Feld über den Bach gekommen sein“, glaubt Drögemüller, dem nur noch 16 seiner 23 Schafe geblieben sind.

Schon als er die Wiese betrat, bemerkte er, dass etwas nicht stimmte. Die anderen Schafe seien komplett verstört gewesen, erzählt er. „Sie standen alle auf einem Haufen, haben nicht gefressen und schauten in die Richtung, wo es passiert ist.“ Dann bemerkte Drögemüller die Kadaver. Nun deckt er sie mit einer Plastikplane zu, um die DNA-Spuren vor Regen zu schützen und für die anschließende Untersuchung in einem Forschungsinstitut zu sichern.

Auch das Bild, das sich ihm am Ufer des Stahlbachs bot, wird Drögemüller so schnell nicht vergessen. Das dort verendete Schaf sei offenbar in Panik vor den Wölfen ins Wasser geflüchtet. „Sein Fell hat sich vollgesogen, es ist wahrscheinlich ertrunken“, erklärt der Züchter kopfschüttelnd. Nur einen Meter daneben sitzt ein junger Bock und starrt apathisch auf den halb im Wasser liegenden Kadaver. „Das war wohl seine Mutter“, vermutet Drögemüller.

Es ist nicht der erste Angriff auf seine Herde. Vor etwa einem Jahr wurden drei seiner Quessantschafe gerissen, zwei weitere verendeten wenig später aufgrund ihrer Verletzungen. Auch für diesen Riss seien Wölfe verantwortlich gewesen, meint Drögemüller. Die DNA-Untersuchung im Labor habe das aber nicht zweifelsfrei nachweisen können.

Beim jetzigen Riss hatten die Schafe keine Chance. Nur ein dünner Drahtzaun umgibt die Wiese. Eine wolfssichere Einfriedung, die mehrere zehntausend Euro kosten würde, kann sich der Böddenstedter nicht leisten. Stattdessen will er sich jetzt 1,20 Meter hohe Schutznetze aus dem Museumsdorf Hösseringen ausleihen und seinen Schafstall damit einzäunen. „Ich bin aber nicht überzeugt, dass da nichts mehr passiert“, sagt Drögemüller. Er glaubt, dass die Wölfe wiederkommen werden, weil sie leichte Beute vermuten. Vor wenigen Tagen seien auch auf dem Grundstück seiner Nachbarin einige Schafe gerissen worden.

Wegen der vielen ähnlichen Fälle in Deutschland plädiert der Böddenstedter für einen Abschuss von auffälligen Wölfen. „Die passen hier nicht her“, meint Drögemüller, der seit etwa 30 Jahren Schafe züchtet. Regelmäßig kommen Eltern mit Kindern bei ihm vorbei. „Sie freuen sich, dass sie Schafe in freier Natur sehen können“, sagt er. „Und jetzt passiert so was.“

Von Bernd Schossadowski

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