AZ-Interview: Prof. Christian Weber von der Ostfalia-Hochschule zu den neuen Regeln des Netzwerks

Machtlos gegen Facebook

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Nicht nur Facebook sammelt alle Daten, die der Konzern bekommen kann. Indem jetzt auch die benutzten Apps (Programme) von Smartphones gespeichert werden, entstehen Bewegungsprofile, für die passende Werbung eingeblendet werden kann. Foto: dpa

Suderburg. Wer sich nicht aus der digitalen Gemeinschaft verabschieden will, muss akzeptieren. Ein Widerspruch gegen die am Freitag in Kraft getretenen Allgemeinen Geschäftsbedingungen von Facebook gibt es nicht.

Und der Konzern weiß schon jetzt weit mehr über jeden einzelnen Teilnehmer, als die meisten ahnen. Wie der Daten-Staubsauger Facebook funktioniert und wozu das Online-Netzwerk die gesammelten Informationen nutzt, erklärt Professor Christian Weber von der Ostfalia-Hochschule Suderburg im AZ-Interview mit Redakteur Gerhard Sternitzke.

Herr Weber, sind Sie bei Facebook registriert?

Weber: Ja.

Haben Sie keine Sorgen, dass Sie dabei zu viel von sich preisgeben?

Weber: Ich bin nicht aktiv auf Facebook. Mir geht es darum, das Nutzerverhalten als solches zu sehen, ob sich zum Beispiel die Art und Weise, wie Leute posten, verändert, oder welche Auswirkungen die Veränderungen der Allgemeinen Geschäftsbedingungen oder der Nutzerprofile haben. Das Schlimme ist, dass die Auswirkungen minimal sind...

Gab es keine Reaktionen auf die neuen Facebook-Regeln?

Weber: Es ist immer so: Man regt sich darüber auf und geht dann zur Tagesordnung über. Man kann nicht einmal bestimmen, wo man gemonitort wird.

Gemonitort heißt, dass Daten gesammelt werden.

Weber: Genau. Das ist das Geschäftsmodell. Auch wenn das nicht jedem immer so klar ist.

Der Konzern will auch besuchte Seiten und Apps außerhalb des Netzwerks auswerten, um seinen Mitgliedern personenbezogene Werbung einzublenden. Was ist daran so schlimm?, fragen viele Menschen.

Weber: Das ist eine berechtigte Frage. Was ich schlimm dabei finde, dass ich als User bei Facebook keine Kontrolle darüber habe, welche meiner Daten an wen unter welchen Bedingungen gehen. Mit der Änderung der Geschäftsbedingungen kann ich nicht auf der Facebook-Seite bestimmen, dass keine Daten weitergegeben werden, sondern ich muss auf die Seite der European Advertising Alliance (EAA) gehen und mich da austragen.

Facebook bietet an, im eigenen Account einzustellen, welche Werbung man nicht haben will.

Weber: Was Sie beeinflussen können, ist, was sie selber zu sehen bekommen. Was Sie nicht beeinflussen können, ist, was von Ihnen gesammelt wird.

Erklären Sie unseren Lesern: Wie entstehen aus meinen Klicks bei Facebook und auf anderen Internetseiten Anzeigeneinblendungen?

Weber: In dem Moment, wo Sie bei Facebook angemeldet sind, platziert Facebook bei ihnen eine kleine Textdatei, ein Cookie. Wenn Sie das in Ihrem Browser haben, dann wirft jede Webseite, die mit Facebook verlinkt ist, und das ist heute jede, ein Cookie aus und meldet an Facebook: Der kommt von Otto.de und ist jetzt bei uns bei Zalando.de gelandet. Jede Seite, auf der Sie einen Like-Button finden, ist mit Facebook vernetzt und liefert Facebook Daten.

Das machen diese Websites schon jetzt oder erst, seit Facebook seine Regeln geändert hat?

Weber: Das ist nichts Neues. Die neuen Facebook-Regeln ändern nur, wie das genutzt wird. Das Profil, das von den Nutzern erstellt wird, wird noch genauer, weil die genutzten Apps (Programme) registriert werden. Und wenn Sie der App im Smartphone nicht untersagen, Ihre Geo-Koordinaten, also ihren Standort, kundzutun, dann hat Facebook ein sehr gutes Bewegungsprofil.

Für welche Daten interessiert sich Facebook eigentlich?

Weber: Es wird versucht – das ist das Grundprinzip von Google, Facebook, Apple – so viele Daten wie irgend möglich über ihre Kunden einzusammeln. Auch wenn Sie mit den Daten heute noch gar nichts anfangen können.

Geben Sie doch ein Beispiel, welche Informationen ein Unternehmen aus eher banalen Daten ziehen kann!

Weber: Angenommen, ich kenne Ihre Interessen, Ihre Hobbys. Jetzt kommt hinzu, dass ich Ihre Daten aus dem Smartphone protokolliere. Ich weiß, was Sie gerne essen und ich weiß, wo Sie gerade sind. Und dann habe ich vielleicht einen Kunden, der bietet gerade das gleiche Essen an und befindet sich am Ende der Straße, in der Sie gerade sind. Also könnte ich Ihnen doch idealerweise eine Werbung platzieren.

Viele Menschen werden sich freuen, wenn ihnen Facebook ein tolles Lokal präsentiert.

Weber: Absolut. Und das ist erst mal nicht schlecht, wenn ich akzeptiere, dass dies nur zustande kommen kann, wenn ich mein Privatleben offenlege. Es ist nicht so, dass ich das verteufele. Was mich stört, dass Sie selber als Produzent der Daten an dem Umsatz nicht beteiligt sind.

Das Datensammeln ist ja das Geschäftskonzept. Deshalb ist die Leistung kostenlos. Welche Möglichkeit gibt es, Facebooks Datensammelwut einzuschränken?

„Was ich schlimm dabei finde, dass ich als User bei Facebook keine Kontrolle darüber habe, welche meiner Daten an wen unter welchen Bedingungen gehen.“

Weber: Es gibt nur eine realistische Möglichkeit: eine politische Regelung. Aber das ist ja nicht gewollt. Als Individuum haben Sie keine Chance, ist dieses Netzwerk viel zu mächtig. Wenn Sie einkaufen, reden Sie von Amazon. Wenn Sie suchen, ist es immer Google. Und beim sozialen Netz gibt es eigentlich nur Facebook.

Und die Politik möchte das nicht regeln?

Weber: Ich glaube, ein Großteil der Politiker versteht das gar nicht. Wir haben da auch niemanden, der dafür zuständig ist.

Das Problem bei Facebook ist ja, dass das, was der Konzern tut, nach deutschem Datenschutzrecht gar nicht zulässig wäre. Hat der Staat tatsächlich keine Möglichkeit, die eigenen Regeln durchzusetzen?

Weber: Weil die in Irland sitzen, gilt irisches beziehungsweise europäisches Recht. Unsere Datenschutzbeauftragten sind engagierte Leute, die aber mit einem stumpfen Schwert kämpfen. Sie haben keine Strafmöglichkeiten.

Bis jetzt haben wir nur über Werbung geredet. Welche Datennutzungen sind noch möglich?

Weber: Wenn ich ein Handy habe, das sehr oft neben einem Krankenhausstandort auftaucht, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass da etwas nicht in Ordnung ist. Wenn Sie ein potenzieller Arbeitgeber sind, dann ist das eine interessante Information. Sie möchten niemanden einstellen, der ständig krank ist. Für diese Daten, die von Handys produziert werden, gibt es eine Menge Interessenten, aus der Versicherungsindustrie, aus dem Bereich der Banken. Diese Daten sind das Gut, das Facebook verkauft, und eigentlich ist es Facebook egal, wem es diese Daten verkauft. Der Wer, der kauft, kann ja vielleicht auch ein Staat sein. Es gibt heute kaum Leute, die daraus einen Schaden haben, aber wir wissen nicht, ob das auch morgen so ist.

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