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Klinikum Uelzen: Zehn Stunden Wartezeit für blutendes Kind?

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Von: Bernd Schossadowski

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Stefanie Grandt aus Suderburg und ihr Sohn Philipp
Stefanie Grandt aus Suderburg hat ihren Sohn Philipp in die Notaufnahme des Uelzener Klinikums gebracht. Die dortigen Erlebnisse haben sie schockiert. © Schossadowski, Bernd

Seine Lippe blutete stark, seine linke Wange war geschwollen: Es war ein unbeabsichtigter Tritt, den der zehnjährige Philipp kürzlich beim Fußballspielen im Sportunterricht ins Gesicht bekam. Doch was der junge Suderburger anschließend zusammen mit seiner Mutter Stefanie Grandt in der Notaufnahme des Uelzener Helios-Klinikums erlebte, war für die beiden noch viel verstörender. „Was da abging, war vollkommen chaotisch und nicht mehr menschenwürdig“, schildert Stefanie Grandt der AZ.

Gegen 12.40 Uhr treffen die beiden in der Notaufnahme ein. Am Empfang seien sie von einer Mitarbeiterin angeblafft worden, warum Philipp nicht mit dem Rettungswagen gekommen sei. Seine Mutter hatte ihn nämlich in ihrem Auto gebracht, weil ihr Sohn Angst hatte, allein im Rettungswagen zu fahren. Vor Ort habe ihr die Mitarbeiterin sinngemäß gesagt: „Wer selber fahren kann, der kann auch warten. Das kann doch nicht so schlimm sein.“ Darüber habe sie nur den Kopf schütteln können, sagt Stefanie Grandt. Noch schockierter sei sie gewesen, als ihr die Mitarbeiterin in unfreundlichem Ton offenbart habe: „Sie können locker sieben bis zehn Stunden Wartezeit einplanen.“


Die Notaufnahme sei völlig überfüllt gewesen, freie Sitzplätze habe es nicht mehr gegeben. Stefanie Grandt und ihr Sohn setzen sich deshalb auf den nackten Fußboden und warten. Philipp sei sehr angeschlagen gewesen. „Er hatte eine klaffende Wunde an der Lippe, seine ganze Hose war voller Blut“, sagt seine Mutter. Das bestätigt Philipp: „Ich hatte Schmerzen. Nicht nur die Lippe, auch mein Kiefer hat wehgetan.“

Irgendwann gehen seine Mutter und er nach draußen, um frische Luft zu schnappen. Dabei fällt ihnen auf, dass sich nebenan das Medizinische Versorgungszentrum (MVZ) befindet, das unter anderem für Unfallchirurgie und Orthopädie zuständig ist. Dort melden sie sich am Empfang. „Philipp wurde umgehend behandelt, wir haben nur wenige Minuten gewartet“, sagt Stefanie Grandt.

Sie erzählt der Mitarbeiterin des MVZ, dass ihr Sohn in der Helios-Notaufnahme sieben bis zehn Stunden hätte warten müssen. „Da hat sie große Augen gekriegt und war geschockt.“ Die Mitarbeiterin habe geantwortet, dass Kinder, vor allem wenn sie bluten oder einen Schul-Unfall hatten, immer vorrangig behandelt werden müssten, berichtet Stefanie Grandt.

Ihr persönlicher Eindruck von der Helios-Notaufnahme: „Ich habe vollstes Verständnis dafür, wenn das Personal aufgrund der vielen Patienten überfordert ist. Ich komme ja aus einer ähnlichen Branche“, sagt die gelernte Altenpflegerin. „Auch da ist man gestresst und genervt. Aber man muss immer auch den Menschen sehen. Was ich in der Notaufnahme erlebt habe, ist erschreckend.“

Bis zu zehn Stunden Wartezeit seien „ganz sicher nicht die Regel“, erklärt Helios-Sprecher Christian Becker auf AZ-Anfrage. Patienten in der Notaufnahme würden nach medizinischer Dringlichkeit behandelt. „Die Bewertung dieser Dringlichkeit beruht auf dem ,Manchester Triage System‘ und ist Standard in den meisten Notaufnahmen.“  Sogenannte „rote Fälle“, bei denen möglicherweise das Leben des Patienten bedroht ist, würden zuerst behandelt, „gelbe“ und „grüne Fälle“ danach. „So ist es nicht ausgeschlossen, dass ein Patient, der als ,grün‘ eingestuft wurde, länger warten muss, da zur gleichen Zeit mehrere ,rote‘ Fälle eingetroffen sind. Dies ist nur schwer planbar“, so Becker.

Es sei nicht ausgeschlossen, dass ein erhöhter Krankenstand wegen der Grippewelle, der Corona-Pandemie und des RS-Virus zu längeren Wartezeiten in der Notaufnahme führen könne. „Aber sollte es zu Wartezeiten von sieben bis zehn Stunden gekommen sein, entspricht dies definitiv – auch derzeit nicht – der Regel und müsste im Einzelfall überprüft werden“, betont Becker. Abgesehen davon sei bei Schul- und Arbeitsunfällen zu berücksichtigen, dass es sich um berufsgenossenschaftliche Fälle handele, bei denen die primäre Behandlung durch einen Durchgangsarzt erfolge.

Ein respektvoller und wertschätzender Umgang untereinander sowie gegenüber den Patienten gehöre zu den Grundsätzen der Arbeit im Helios-Klinikum, erklärt Becker. „Sofern wir darauf aufmerksam gemacht werden, dass in Einzelfällen von diesem Grundsatz abgewichen wird, gehen wir dem selbstverständlich nach.“ Die Mitarbeiter des Klinikums seien „stets mit großem Engagement und hoher Kompetenz für die Patienten da“.

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