Wichtenbecker Andreas Wilkens vermutet, dass die eingewanderten Tiere von einer Kreuzung mit Hunden abstammen

Vom Heidewolf, der vielleicht keiner ist

Wichtenbeck. Andreas Wilkens kennt den Wolf. In Wichtenbeck, am Westrand des Landkreises Uelzen, ist das Raubtier Teil des Alltags. Der Jäger sieht ihn aus dem Autofenster oder in einer Mondscheinnacht vom Hochsitz. Und die Nähe des Raubtiers verändert das Leben.

Wenn der Wolf da war, spielen die Pferde verrückt. Spaziergänger bewaffnen sich mit Pfefferspray. Und die Mütter fahren die Schulkinder mit dem Auto zur Bushaltestelle, seit der Wolf auch auf den Straßen des weitläufigen Dorfs angetroffen wird. Wenn es überhaupt der Wolf ist. Neue Fotoaufnahmen nähren bei Wilkens den Verdacht, dass der Heidewolf gar kein reiner Grauwolf ist, sondern ein Hybride, ein Mischling, der durch Kreuzung mit Hunden entstanden ist.

Schwarzer Rand der Ohren (1), die spitz aufgestellt sind (2), Aalstrich auf der Stirn (3), hohe Hunde-Stirn (4), für den europäischen Grauwolf untypische Bein- und Hüftstellung (5, 6).

Anlass für diese Theorie sind neue Fotos aus der Heide, die einen Wolf so nah wie selten vorher zeigen. Ihnen ist zu entnehmen, dass sich das Exemplar dem Fotografen ohne große Scheu aus etwa 350 Metern bis auf 35 Meter nähert, sodass seine Merkmale deutlich erkennbar sind. „Sie sehen die für einen Wolf überlangen Ohren, er trägt den Kopf hoch, hat einen Aalstrich auf der Stirn. Der Rumpf ist eher quadratisch, die Rute nach oben gewölbt“, erklärt der 60-jährige ehemalige Oberoffizier, normalerweise bilden Kopf und Rumpf eine waagerechte Linie – das sind nur einige Merkmale, die deutlich vom Erscheinungsbild des europäischen Grauwolfs (Canis lupus lupus) abweichen. Kann das sein?

Nach oben gebogene Rute (7), zu kleine Pfoten (8).

Wilkens hat das Bildmaterial auch an ausgewiesene internationale Wolfsexperten geschickt. Der Finne Kaj Granlund („Das Europa der Wölfe“) bestätigt: „Dies ist ein typischer, wie wir sagen, Lausitz-Wolf. Es ist definitiv nicht ein reiner Wolf, wie er sein sollte. Es gibt viele Merkmale, die auf eine Herkunft vom Hund hinweisen“, so etwa die abweichende Beinhaltung und eine im Vergleich zum Wolf hohe Stirn.

Auch der kanadische Wolfsexperte Valerius Geist schreibt per E-Mail: „Dieser Wolf ist aber auch wirklich sehr ‘wolfsähnlich’, denn er hat bernsteingelbe Seher, die Schwanzdrüse ist stark ausgeprägt, der Schwanz hat eine schwarze Spitze, und das Fell ist durchaus wolfsähnlich, aber doch nicht ganz“, so Geist. „Mich stört die gut ausgedrückte Gesichtsmaske, die scharf dunkelumrandeten Ohren, die hohe Haltung des Kopfes, sowie die arg kleinen, zierlichen Pfoten, denn das sind Hundecharakteristiken.“

Andreas Wilkens

Bislang gilt: Wenn ein Tier überfahren wird oder Spuren an einem gerissenen Schaf genommen werden, ob es ein Wolf war, entscheidet der DNA-Test, den nur das Senckenberg-Institut durchführt. Verglichen wird mit dem Erbgut von Wölfen in der Lausitz, wo sich im Jahr 2000 das erste Wolfsrudel nach der Ausrottung angesiedelt hatte. Wilkens und der Finne Granlund zweifeln aber gerade an, dass diese reine Grauwölfe sind.

Wilkens berichtet von Versuchen in der Sowjetunion, bei denen Hunde und Wölfe gekreuzt worden sein sollen, um neue Eigenschaften zu erreichen. Diese Hybriden seien deutlich gefährlicher als reinrassige Wölfe. Solche Versuche gab es auch in der damals dem Ostblock angehörenden Tschechoslowakei. Aus ihnen ging der Tschechoslowakische Wolfshund hervor, den unter anderem der Reinstorfer Biobauer Henning Bauck in seinem „Wolfsgehege“ hält.

Das Verhalten des fotografierten Wolfs kommentiert Valerius Geist so: „Der Rüde ist dabei, Menschen auszuspionieren, so wie ich es hier beobachtet habe. Damit sagt der Wolf auf seine Weise, dass er Menschen als potenzielle Beute auskundschaftet.“ Allerdings schränkt er auch ein, so schnell werde der Wolf nicht angreifen „und vielleicht überhaupt nicht, wenn er damit böse Erfahrungen macht. Etwa wenn ihm Pfefferspray in die Augen gespritzt wird.“

Der frühere Wolfsbefürworter zieht aus den Beobachtungen eine pessimistische Konsequenz: „Leider, leider kann der Wolf als Art nur gerettet werden, wo er fern von Hunden sein kann, wo also Menschen nicht erlaubt sind, und das sind großflächige Militär und Atomtestgebiete.“

Von Gerhard Sternitzke

Rubriklistenbild: © Quast

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare