In Dreilingen sind seit fünf Tagen die Telefonleitungen tot / Schwaches Mobilfunknetz verschärft die Situation

„Abgeschnitten von der Welt“

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Für jeden Anruf auf den Horstberg: Thomas Schröder hat ein kompliziertes System entwickelt, um den Kontakt zu seinen Kunden trotz des andauernden Netzausfalls halten zu können.

Dreilingen. Auf einer Anhöhe, etwa einen Kilometer von der Ortschaft Dreilingen entfernt, vorbei an Feldern und Heidschnucken, steht ein Fahrzeug am Straßenrand. Davor ein hochgewachsener Mann, der in sein Mobiltelefon spricht. Eine Autopanne, könnte man vermuten.

Doch der Mann ist selbst Kfz-Mechaniker-Meister und ist nur aus einem einzigen Grund hier raus gefahren: zum Telefonieren.

In Dreilingen, wo Thomas Schröder seine Werkstatt betreibt, bleiben seit Freitagabend die Telefone stumm. Grund dafür ist ein Problem mit der Hauptleitung, etwa einhundert Anschlüsse sind von der Störung betroffen. Und da die Ortschaft in einer Talmulde liegt, ist auch der Mobilfunk-Empfang nur sporadisch vorhanden. Darum steigt Schröder für jedes Telefonat in seinen Wagen und fährt auf den nahegelegenen Horstberg. Sein Nachbar habe ihn am Samstagmorgen über die toten Leitungen informiert, daraufhin habe er umgehend bei der Telekom angerufen, berichtet der Mechaniker-Meister. „Für einen Gewerbebetrieb ist es tödlich, derart von der Außenwelt abgeschnitten zu sein“, klagt der 43-Jährige. Am Handy habe man ihm mitgeteilt, dass die Störung bereits bekannt sei und bis 14 Uhr behoben wäre. „Aber ich bin der Meinung, da ist überhaupt nichts passiert“, spekuliert Schröder. Denn sowohl sein Privat- als auch sein Firmen-Anschluss seien unbrauchbar geblieben. Am Montagmorgen habe er sich daher erneut an die Telekom gewandt: Bis zum Nachmittag sei der Fehler behoben, habe es da geheißen. Als dies am Dienstagmorgen immer noch nicht der Fall gewesen ist, bestand für den Unternehmer dringender Handlungsbedarf: „Es geht einfach nicht, dass wir für unsere Kunden für so lange Zeit nicht erreichbar sind.“ Darum bat er in seinem dritten Telefonat mit der Störungsstelle – bei dem es hieß, das Problem sei bis 16 Uhr behoben – um eine Rufumleitung in das Büro des Partnerunternehmens in Wrestedt, das sein Bruder betreibt. „Jetzt werden dort unsere Anrufe entgegengenommen und wir bekommen dann über E-Mail Bescheid“, erklärt der gebürtige Dreilinger. Zum Glück funktioniere wenigstens das Internet inzwischen zuverlässig – das beziehe man nämlich über LTE-Technik. Am meisten ärgert Schröder jedoch, dass die Problematik mit der Hauptleitung längst bekannt ist und dennoch nicht reagiert wurde: Bereits im Sommer 2010 sei das Festnetz aus dem gleichen Grund ausgefallen, wie man ihm damals ausführlich erläuterte: „Eine veraltete Hauptleitung, die unter der Erde vor sich hin rottet.“ Damals habe die Instandsetzung ganze zweieinhalb Wochen gedauert. „Aber eine Erneuerung lohnt sich natürlich nicht für so ein kleines Dorf“, höhnt der Betroffene. Auch Monika Winkelmann hat schon ihre Erfahrungen mit der Störungs-Hotline gemacht: „Am besten fand ich die Frage, ob ich von dem Anschluss aus anrufe, der von dem Defekt betroffen ist.“ Da in ihrem Haus das Internet aus der Telefonsteckdose komme, fiele auch dies im Moment aus: „Man ist richtig abgeschnitten von der Welt“, konnte die 49-Jährige in den vergangenen Tagen feststellen. Auch ihr Arbeitgeber könne sie und ihren Mann für kurzfristige Aufträge nicht erreichen. Noch schwerwiegender als die Arbeitsausfälle dürften die Konsequenzen ausfallen, wenn sich in Dreilingen ein Notfall ereignet, denn auch der Notruf zu Polizei und Feuerwehr ist von dem Netzausfall betroffen: „Wenn Du ‘nen Notarzt brauchst, musst Du erst zum Rettungswagen nach Bahnsen fahren“, versucht Winkelmann die Situation mit Humor zu sehen. Noch drastischer formuliert Waldemar Herrmann seine Befürchtungen im Falle eines Notfalls: „Wenn es gar brennen sollte, wäre das Feuer inzwischen ausgebrannt und würde es einen Unfall geben, hätte der Unglückliche genügend Zeit um ruhig zu sterben.“ Dass so etwas in modernen Zeiten noch möglich ist, findet der Dreilinger unfassbar: „Es ist schon eine armselige Notfallvorsorge, dass heutzutage noch ganze Dörfer an einem einzigen Kabel hängen, einschließlich der Notrufe. Manche sagen, das sei bodenloser Leichtsinn.“

Lorenz Steinke, Pressesprecher der Telekom Bereich Nord, erklärt die Probleme in Dreilingen so: „In ein Kabel, das mehrere Haushalte versorgt, ist Wasser eingedrungen. Das betroffene Teilstück wird nun ersetzt.“ Dass der Vorfall mit veraltetem Material zusammenhänge, bestreitet Steinke: „Die Kabel sind in einem guten Zustand.“ Über die genauen Umstände vor Ort sei er nicht informiert, aber entsprechende Arbeiten nähmen zum Teil einige Tage in Anspruch – am heutigen Mittwoch würden sie voraussichtlich abgeschlossen.

Von Karsten Tenbrink

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