Das Streicheln Gottes

Von Albert WieblitzDer Segen Gottes – nicht zu greifen, nicht zu fassen, nicht zu schmecken. Und dennoch soll er wirksam sein? – Was ist denn der Segen, den wir anderen zusprechen oder von anderen zugesprochen bekommen?

Mir sagte mal jemand: Der Segen ist das Streicheln Gottes! Streicheln ist liebevolles Handeln. Ganz und gar Zuwendung voller Zärtlichkeit. Unaufdringlich und doch eindrücklich.

Ich kannte einen Mann, einen alten Mann. Damals war ich noch ganz junger Pastor. Der alte Mann war bereits über neunzig. Jeden Sonntag kam er in den Gottesdienst. Er saß immer in der dritten Reihe. Am Rand der Bank saß er und hielt seine Hand zur Muschel geformt ans Ohr. Dieser Mann hatte ein langes und schweres Leben hinter sich, das wusste ich aus vielen Gesprächen. Er hatte vier Söhne. Davon waren die drei ältesten im 2. Weltkrieg gefallen. 1942, 1943 und 1944. Jedes Jahr starb einer der Söhne. Nur der jüngste Sohn, der erst kurz vor dem Krieg geboren war, überlebte.

Ich lernte den Vater kennen, als er schon über neunzig war, und ich hatte große Hochachtung vor ihm. Eines Sonntags, nach dem Gottesdienst, sprach er mich an und sagte: „Wissen Sie, Herr Pastor, ich hatte ein schweres Leben. Und ich bin mit Vielem bis heute nicht fertig geworden. Ich höre ja auch fast nichts mehr. Auch von ihren Predigten höre ich beinahe gar nichts. Aber ich habe schon so viel gehört – da ist das wohl egal.“

Ich blickte ihn erstaunt und irritiert an.

„Wissen Sie“, fuhr er fort, „ich komme trotzdem immer in den Gottesdienst. Wegen des Segens. Den sehe ich und den spüre ich. Den soll Gott mir geben – wo ich doch schon so viel verloren habe. Der Segen muss sein, den brauche ich.“

Ich weiß nicht mehr ob und was ich damals – vor dreißig Jahren – dem alten Mann geantwortet habe. Wahrscheinlich fiel meine Antwort nicht besonders klug aus.

Aber bis heute steht mir dieser alte Mann als glaubwürdiger Christ vor Augen mit seinem fordernden Segenswunsch. Und ich weiß noch, wie er mir zum Abschied die Hand reichte und dann auffällig aufrecht den Heimweg antrat.

Albert Wieblitz aus Wieren ist

Landespastor für Ehrenamtliche im Haus Kirchlicher Dienste in Hannover.

Das Wort zum Sonntag finden Sie auch im Internet unter az-online.de/lokales/kolumnen

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