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Stadtforst Uelzen schwer getroffen - rund 450 Einsätze wegen der Stürme

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Von: Jannis Wiepcke, Gerhard Sternitzke, Lars Becker, Bernd Schossadowski

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Bäume wurden häufig samt Wurzelteller aus dem Boden gerissen oder brachen - wie hier - ab. So manches Mal wurden dabei Fahrzeuge oder Gebäude in Mitleidenschaft gezogen.
Bäume wurden häufig samt Wurzelteller aus dem Boden gerissen oder brachen - wie hier - ab. So manches Mal wurden dabei Fahrzeuge oder Gebäude in Mitleidenschaft gezogen. © Feuerwehr uelzen

Die Orkantiefs „Ylenia“ und „Zeynep“ sowie das Sturmtief „Antonia“ haben dem Stadtforst in Uelzen und kreisweit auch so manchem Wald in Privatbesitz massiv zugesetzt. Die Feuerwehreinsatz- und Rettungsleitstelle des Landkreises registrierte von Donnerstag bis Sonntag rund 450 unwetterbedingte Einsätze.

Uelzen/Landkreis – „Wir haben noch keinen Überblick, weil alle Wege dicht sind. Aber was wir sehen, ist wirklich schlimm“, sagt Stadtförster Thomas Göllner am Montag im AZ-Gespräch. „Das sind die größten Schäden seit den Stürmen ,Vivian‘ und ,Wiebke‘ Anfang 1990. Die Stürme jetzt waren stärker als Kyrill oder die 2017 und 2018 – ein Bild, das mich erschüttert hat“, so Göllner.

Er befürchtet „aus dem Bauch heraus“, das etwa 3000 bis 4000 Festmeter Holz auf dem Boden liegen. „Das entspricht vielleicht dem gesamten geplanten Jahreseinschlag.“

Am Dienstag (21. Februar) in der Sitzung des Betriebsausschusses Stadtforst Uelzen müsse er einen Haushaltsplan vorstellen, der so nicht zu halten sei. Zwar sei das Holz abzusetzen, aber die Preise würden mutmaßlich etwas einbrechen. Und die Kosten, um das Holz auf den Markt zu bringen, seien ungleich höher.

„Pure Mächtigkeit der Orkanböen hat auch Tiefwurzler umgelegt“

Göller verzeichnet sowohl Einzel- und Gruppenwürfe, aber auch Flächenwürfe von einer Größe bis hin zu Fußballfeldern. Hinzu kommen massive Schäden am Wildgehege. „Das Freiräumen wird Wochen dauern, zuerst gehen wir an die Hauptwege – für die Maschinen, wegen der Holzabfuhr und der Rettungswege“, so Göllner.

„Wir sind sicher ein halbes Jahr damit beschäftigt. Die pure Mächtigkeit der Orkanböen hat auch Tiefwurzler umgelegt und Bäume in zehn, zwölf Metern Höhe abgeknickt“, erklärt der Stadtförster und ergänzt, dass selbst der Borkenkäfer dem Forst nicht so zugesetzt habe.

Im Uelzener Stadtforst – hier eine Stelle unweit der Jugendherberge – sind in den letzten Tagen unzählige Bäume ein Opfer der Orkanböen geworden.
Im Uelzener Stadtforst – hier eine Stelle unweit der Jugendherberge – sind in den letzten Tagen unzählige Bäume ein Opfer der Orkanböen geworden. © Lars Becker

So fällt die Einsatz-Bilanz im Landkreis aus

In den insgesamt 109 Feuerwehren im Landkreis Uelzen sind aktuell rund 3900 aktive Feuerwehrkameraden und -kameradinnen in den Einsatzabteilungen registriert. Fast alle von ihnen waren in den vergangenen Tagen und Nächten angesichts der Orkantiefs „Ylenia“ und „Zeynep“ sowie des Sturmtiefs „Antonia“ in akuter Bereitschaft.

Und das war auch notwendig: Die Feuerwehreinsatz- und Rettungsleitstelle des Landkreises Uelzen registrierte insgesamt rund 450 unwetterbedingte Einsätze, wobei auch jene enthalten sind, die von Bauhöfen, Straßenmeistereien, dem Technischen Hilfswerk (THW) oder aber Fachfirmen übernommen wurden.

„So viel Sturm hintereinander – das war schon heftig. Es gab sicher schon Stürme, die sich langsam entwickelt und dann auch schon mal zwei Tage angedauert haben. Aber ich kann mich persönlich an so eine extreme Abfolge von Stürmen in Verbindung mit so hohen Niederschlagsmengen nicht erinnern“, sagte Kreisbrandmeister Helmut Rüger am Montag im Gespräch mit der AZ.

„Jeder will dabei sein und helfen!“

Er lobt die hohe Motivation aller Frauen und Männer in Uniform: „Viele haben in den Stiefeln gestanden und wollten schnell helfen.“ Rüger weiß: „Solche Einsätze sind eine einmalige Sache. Dafür ist man in der Feuerwehr. Das hören Außenstehende vielleicht mit anderen Ohren, aber man will auch mal gefordert werden. Jeder will dabei sein – aber nicht, um Lorbeeren einzuheimsen. Dabei kommt der eine oder andere von der Kraft und der Zeit her auch an seine Grenzen.“

In der Feuerwehreinsatz- und Rettungsleitstelle wurden am Montag die Einsatzbücher ausgewertet. Ein Sprecher erklärte, dass alleine in den 24 Stunden von Freitag um 17 Uhr bis Sonnabend um 17 Uhr, als Orkantief „Zeynep“ wütete, 282 Einsätze verzeichnet worden seien (Samtgemeinde Bevensen-Ebstorf 80, Aue 62, Hansestadt 56, Rosche 45, Suderburg 31, Bienenbüttel 18).

318 Notrufe gingen in diesem Zeitfenster in der Leitstelle ein, die eigens auf vier Mitarbeiter aufgestockt worden war. 195 Einsatzmeldungen für die Feuerwehr liefen alleine in der Zeit von Freitag um 17 Uhr bis Sonnabendmorgen um 5 Uhr auf – ein enormes Pensum. In dieser Zeit gingen 210 Notrufe ein.

Nach zwei einsatzschwächeren Jahren sind die Feuerwehren durch den Sturm „jetzt in den Fokus gerückt“, sagt Stadtbrandmeister Jens Kötke. Ihre Arbeit werde geschätzt.
Nach zwei einsatzschwächeren Jahren sind die Feuerwehren durch den Sturm „jetzt in den Fokus gerückt“, sagt Stadtbrandmeister Jens Kötke. Ihre Arbeit werde geschätzt. © Feuerwehr Uelzen

Leitstelle durch die Arbeit auf Gemeinde-Ebene entlastet

In einigen Fällen ergaben sich aus den Anrufen von Bürgern allerdings keine Einsatzszenarien, weil umgefallen Bäume etwa in Gärten lagen. Teilweise wurden Straßen zunächst gesperrt, weil reihenweise Bäume umstürzten und umgehende Aufräumarbeiten zu gefährlich und sinnlos gewesen wären.

Alle Feuerwehren in den Städten und Gemeinden übernahmen für ihre Bereiche dezentral die Koordination, um die Leitstelle zu entlasten. Die Feuerwehren der Samtgemeinde Rosche bündelten diese Aufgabe beispielsweise im Gerätehaus Rosche-Prielip, die Wehren der Samtgemeinde Aue und der Hansestadt jeweils über ihren Einsatzleitwagen.

Uelzens Stadtbrandmeister Jens Kötke („Hätten wir diese Windstärken im Mai, würde es noch ganz anders aussehen!“) berichtete, dass viele Einsätze in kleineren Gruppen in zehn bis 15 Minuten erledigt gewesen seien: Bäume zersägen, in den Seitenraum der Straße legen – das sei es gewesen. „Richtig kritisch war es auf der B 4“, sagt er. Hier seien während der Aufräumarbeiten bei Holdenstedt immer wieder weitere Bäume umgestürzt, während Auto- und Lkw-Fahrer „befreit“ worden seien.

Fahrzeuge durch Bäume blockiert

„Es waren insgesamt anstrengende Stunden, aber wir sind noch glimpflich davongekommen. Das nächste Problem wird das Wasser, wir müssen sicher die Pegel im Auge behalten. Beim THW liegen aber 15 000 Sandsäcke bereit“, so Kötke mit Blick auf die Ilmenau.

Zwei sturmbedingte Feuerwehr-Einsätze gab es am Montag noch im Gebiet der Samtgemeinde Suderburg. Gegen 5.30 Uhr mussten die Wehren umgestürzte Bäume auf der Kreisstraße zwischen Suderburg und Räber entfernen, schildert Gemeindebrandmeister Reimund Mentzel. Am Vormittag rückten die Einsatzkräfte dann zur Breitenheeser Straße nach Hösseringen aus. Dort waren geparkte Fahrzeuge der Firma, die mit den Glasfaser-Arbeiten beauftragt ist, von umgestürzten Bäumen blockiert. Verletzt wurde niemand.

Schwerer Unfall in Növenthien

In der Samtgemeinde Aue gab es in der Nacht zum Montag nur einen einzigen Feuerwehreinsatz infolge des Sturms. Wie Gemeindebrandmeister Thomas Lampe berichtet, stürzte bei Lüder ein Baum auf die Straße.

Verhältnismäßig ruhig blieb es am Sonntag und Montag auch in der Samtgemeinde Rosche, wie Gemeindebrandmeister Henning Räthke gestern mitteilt. Ganz anders sah das in der Sturmnacht von Freitag auf Sonnabend aus. „Da hatten wir Einsätze ohne Ende“, sagt Räthke. Ein schwerer Unfall ereignete sich dabei in Növenthien. Dort stürzte ein Baum auf die Straße. Drei hintereinander fahrende Autos mussten daher bremsen. Eine Autofahrerin kollidierte mit dem Baum und erlitt Verletzungen. Die Frau wurde mit einem Rettungswagen ins Klinikum gebracht.

Die Bevenser Feuerwehr ist insgesamt 35 sturmbedingte Einsätze gefahren. 40 Mitglieder waren im Dauereinsatz. Schlimmster Anlass seit Jahren war der Unfall, bei dem am Donnerstag ein Autofahrer von einer Eiche zwischen Seedorfer Kreuz und der Kurstadt erschlagen worden war.

„Wir haben im Vorfeld darüber gesprochen, was uns erwartet“, berichtet Ortsbrandmeister Matthias Wedel. Sollte einer der beteiligten Feuerwehrleute mit dem Erlebten nicht klarkommen, werde die Feuerwehr sofort Hilfe holen. „Ich habe schon die Erfahrung, dass der ein oder andere bei solchen Unfällen nicht kommt, weil er die Bilder nicht so schnell aus dem Kopf bekommt“, berichtet Wedel. „Wir von der Feuerwehrleitung achten darauf, dass nicht junge und unerfahrene Leute in so eine Situation kommen.“

Einsätze für große Leiter abgelehnt

Nicht alle von den beiden Orkanen umgeworfenen Bäume wurden von der Bevenser Wehr geräumt. Gehandelt wurde da, wo Gefahr in Verzug war, nicht so wichtige Straßen wie die Jahnstraße wurden zunächst vom Bauhof abgesperrt. Zwei Einsätze für die große Leiter in größerer Entfernung lehnte die Wehr ab. „Das ist ein Rettungsgerät, das für die Hotels und Kliniken wichtig ist“, betont Wedel.

Relativ ruhig verlief die letzte Sturmnacht für die Einsatzkräfte der Bienenbütteler Gemeindefeuerwehr. Kurz vor 5 Uhr morgens mussten diese laut Feuerwehrsprecher Stefan Kommert zu ihrem einzigen Einsatz ausrücken. Es galt dabei, zwei umgestürzte Bäume von der Wulfstorfer Straße zu entfernen.

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