Kommentar von Woche zu Woche

Zwei AZ-Berichte dieser Woche sind es, die fassungslos und wütend machen

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Eine zwölf Zentimeter lange Schnittwunde soll der Angeklagte dem Opfer mit dem Messer zugefügt haben.

Wir leben in einer Zeit der Radikalisierung, der Verrohung, der Maßlosigkeit. Das Internet macht es möglich, jeder kann Unsinn reden oder gar hetzen und sich dabei einer großen „Fangemeinde“ gewiss sein, die die Angelegenheit dann zusätzlich noch anheizt.

Es ist eine Entwicklung, die keine Grenzen zu kennen scheint.

Und auch hier in Uelzen sieht man sich immer wieder mit Situationen konfrontiert, die für sich stehend schon unfassbar sind und in einschlägigen Foren im Netz dann noch weiter zugespitzt werden.

Zwei Berichte in der AZ dieser Woche sind es, die einen fassungslos und auch wütend machen und bei denen man sich die Frage stellen muss, was denn bloß nicht stimmt mit den Menschen.

Da ist zum einen die brutale Attacke auf einen 75-jährigen Mann am Hagenskamp. Der Senior hatte ganz freundlich die Beifahrerin eines abgestellten Autos darauf aufmerksam gemacht, dass der Wagen seine Garageneinfahrt blockiere. Kurze Zeit später kommt der Fahrer, geht schnurstracks auf den Anwohner zu und streckt ihn mit einem brutalen Faustschlag ins Gesicht nieder. Das Opfer erleidet schwere Verletzungen und eine Gehirnblutung – ob es jemals wieder genesen wird, ist ungewiss. Und der Täter fährt einfach davon.

Zweiter Fall: Diese Woche begann vor dem Landgericht Lüneburg der Prozess wegen versuchten Mordes gegen einen Familienvater aus der Samtgemeinde Aue. Er soll vor einer Kneipe an der Gudesstraße einen anderen Gast aus dem Nichts mit einem Kehlenschnitt lebensgefährlich verletzt haben.

Der Vorgang ist nicht nur wegen seiner Brutalität bemerkenswert, sondern auch wegen seiner Vorgeschichte: Der mutmaßliche Täter, 48 Jahre alt, hatte nach eigener Aussage zuvor in einer Kneipe gefeiert und sich dann von seinem Sohn abholen lassen. Er entschloss sich noch zu einem kurzen Abstecher an die Gudesstraße. Folglich muss er, wenn die Anklage zutrifft, das Messer, das aus seinem Haus stammt, schon zum feuchtfröhlichen Kneipenabend mitgenommen haben. Stellt sich die Frage: Ist das heute so üblich?

Was ist los in diesem Land, in dieser Stadt, dass man augenscheinlich jederzeit damit rechnen muss, aus dem Nichts attackiert und verletzt zu werden? Dass die Menschen offenbar überhaupt keine Hemmung mehr haben?

Dass Polizisten und Rettungsdienste damit leben müssen, jederzeit angegriffen zu werden, wenn sie nur zu einem vermeintlichen Routineeinsatz fahren?

Und, als weitere Überlegung: Welche Konsequenzen muss ich daraus ziehen? Kann ich noch helfen, wenn jemand auf der Straße umkippt, kann ich noch etwas sagen, wenn da einer seinen Müll einfach auf die Straße wirft?

Richtig ist: Ja, es gibt diese extremen Fälle. Richtig ist aber auch: Es sind Einzelfälle. Laut Kriminalstatistik, die Innenminister Pistorius diese Woche in Uelzen einmal mehr zitierte, geht die Zahl der Straftaten kontinuierlich zurück. Sicher, das hilft einem nicht im Einzelfall.

Doch richtig ist auch: Im Alltag erleben wir vielerorts eine nie gekannte Solidarität und Nachbarschaftshilfe unter den Menschen. Die AZ berichtete in dieser Woche von Witwern, die in Bad Bevensen gemeinsam kochen gegen die Einsamkeit. Vielerorts fahren Bürgerbusse, damit Menschen nicht abgehängt sind auf dem Dorf. Das sind nur zwei Beispiele, es gibt viele weitere.

Deswegen: Hinschauen, was los ist bei meinem Nachbarn, in meiner Umgebung. Und mit gutem Beispiel vorangehen. Natürlich sind die Zeiten andere. Aber Bangemachen gilt nicht.

 VON THOMAS MITZLAFF

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