105 Flüchtlinge beziehen gestern Notunterkunft am Emsberg / Kreis muss auch im LeG Betten bauen

Leben zwischen Bauzäunen

+
Ein Detail fehlt: Die Folien, um die „Zimmer“ im hinteren Drittel der Pestalozzi-Halle abzutrennen, sind gestern noch nicht geliefert worden. Ansonsten liefen alle Arbeiten reibungslos.

Uelzen. Am frühen Nachmittag war in der Pestalozzi-Halle alles bereit: Stolperfallen im Außenbereich weggeflext, Waschmaschinen in den Duschräumen angeschlossen, Kulturbeutel zusammengestellt und bereitgelegt, Stifte und Malbücher für Kinder sowie Aschenbecher für die Erwachsenen bereitgestellt und Handtücher und Waschlappen in den mit Bauzäunen abgetrennten Bereichen für jeweils fünf Personen auf den Betten verteilt.

Um 17.06 Uhr erreicht dann der erste von zwei Bussen mit Flüchtlingen an Bord den Emsberg, gut 15 Minuten später rollt auch der zweite Bus vor die Halle. In Braunschweig waren 105 Flüchtlinge aus der dortigen Erstaufnahme-Einrichtung, die völlig ausgelastet ist, in die Fahrzeuge gestiegen. In Uelzen nehmen die 88 Männer, acht Frauen und neun Kinder ihre wenigen Habseligkeiten und folgen nach dem Aussteigen Dolmetschern in die Halle.

Hausmeister Kemal Simsek stellt Mineralwasser bereit.

Vier Männer wollen lieber weiter – nach Gesprächen mit Übersetzern und Polizeibeamten machen aber auch sie sich auf den Weg zur Eingangstür. Alle Flüchtlinge haben in der provisorischen Unterkunft zunächst Angaben zur Person zu machen: Name, Alter, Herkunft. „Es ist eine Notregistrierung“, sagt Edelgard Cohrs, Ordnungsamtsleiterin beim Landkreis. Die eigentliche Registrierung erfolge später. Mobile Teams, die im Land von Unterkunft zu Unterkunft fahren, sollen diese Aufgabe übernehmen.

Der Notregistrierung folgt gestern eine medizinische Untersuchung. Das DRK hilft mit etwa 30 Ehrenamtlichen. Dr. Gerhard Wermes, Leiter des Gesundheitsamtes, ist als Mediziner des Landkreises vor Ort. Wie berichtet, handelt der Landkreis in Amtshilfe für das Land, das den Zustrom der Flüchtlinge derzeit nicht mit eigenen Erstunterkünften bewältigen kann.

Piktogramme sollen Sprachbarrieren überwinden helfen.

Passend dazu die Nachricht am Nachmittag: Das Land bittet erneut um Amtshilfe, 100 weitere Flüchtlinge sollen ab Montag untergebracht werden. Der Krisenstab des Kreises entscheidet kurzfristig, diese Gruppe in der Sporthalle des Lessinggymnasiums unterzubringen, die Voraussetzungen im Vergleich zu anderen Sporthallen des Kreises wurden als insgesamt am geeignetsten eingeschätzt. Die Unterbringung soll entsprechend des Ersuchens des Landes am kommenden Montag beginnen und ist bis zum 23. November befristet. Die Sporthalle steht ab sofort nicht mehr für Schul- und Vereinssport zur Verfügung.

Der Landkreis reagiert auf das Amtshilfegesuch wenig erfreut. Landrat Dr. Heiko Blume: „Ich fordere auch in Bezug auf diese 100 Flüchtlinge, dass das Land künftig seine Aufgabe der Erstaufnahme selbst erfüllt und nicht die Amtshilfe der Landkreise in Anspruch nimmt. Dann könnte die LeG-Sporthalle anschließend zeitnah wieder für sportliche Aktivitäten der Schule und Vereine genutzt werden.“ Die rund 1000 Schüler des Gymnasiums sowie Vereinssportler, unter anderem die Basketballmannschaften der „Uelzen Baskets“, nutzen die Halle.

Der Schulleiter des Lessinggymnasiums, Sven Kablau, spricht gegenüber der AZ insbesondere von einem organisatorischem Problem: „Wir müssen gucken, dass wir unsere Schüler woanders unterbringen können. Dass wir vormittags an anderen Schulen Hallenzeiten bekommen, halte ich für nahezu ausgeschlossen, aber vielleicht ergibt sich zumindest nachmittags für die Oberstufenschüler eine Möglichkeit. Ziel ist, dass so wenig Sportunterricht wie möglich ausfällt – aber zu vermeiden werden Ausfälle nicht sein.“

Von Norman Reuter und Steffen Kahl

Einrichtung der Notunterkunft Pestalozzi-Sporthalle

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare