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Zeugen fehlen: Prozess wegen schwerer Brandstiftung „Im Böh“ gerät ins Stocken

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Die Vernehmung von Zeugen brachte am Dienstag weiter Licht in den Fall der schweren Brandstiftung „Im Böh“ vom 20. Juni letzten Jahres. Der Angeklagte hat gestanden, Feuer gelegt zu haben – aber nur eines oder mehrere?
Die Vernehmung von Zeugen brachte am Dienstag weiter Licht in den Fall der schweren Brandstiftung „Im Böh“ vom 20. Juni letzten Jahres. Der Angeklagte hat gestanden, Feuer gelegt zu haben – aber nur eines oder mehrere? © Norman Reuter

Der Prozess vor der 11. Großen Strafkammer des Landgerichts Lüneburg wegen schwerer Brandstiftung in der Obdachlosen-Unterkunft „Im Böh“ im Juni 2021 ist am Dienstag durch zwei ferngebliebene Zeugen ins Stocken geraten.

Lüneburg/Uelzen – Hat der gegenüber Polizei und Gericht bereits geständige Brandstifter am 22. Juni 2021 in der Obdachlosen-Unterkunft „Im Böh“ nur ein Feuer gelegt oder gleich an mehreren Stellen der Einrichtung gezündelt? Und ist der wegen ähnlicher und anderer schwerer Delikte bereits vielfach vorbestrafte, seit Jahrzehnten alkoholkranke und auch zur Tatzeit gegen 11.30 Uhr nach Zeugenaussagen betrunkene47-Jährige in diesem Fall überhaupt schuldfähig?

Das sind für das Strafmaß entscheidende Fragen, auf die die 11. Große Strafkammer des Landgerichtes Lüneburg gestern mit Hilfe von neun Zeugen und des psychiatrischen Gutachters Dr. Reiner Friedrich Antworten suchte.

Zeugen sollen am 14. Januar vorgeführt werden

Letzterer musste seinen Vortrag allerdings vorläufig vertagen – zwei Zeugen, ebenfalls Bewohner der Unterkunft, die wichtige Aussagen zum genauen Tathergang und Zustand des Angeklagten hätten machen können, blieben unentschuldigt der Verhandlung fern und sollen nun zum Fortsetzungstermin am 14. Januar polizeilich vorgeführt bzw. mit einem Ordnungsgeld oder Ordnungshaft belegt werden.

Ein weiterer Bewohner der Unterkunft, der den Angeklagten schon länger kennt, bestätigte dessen hohen Alkoholkonsum und die stets damit einhergehenden Aggressionen: „Er hat immer viel getrunken – zwei Flaschen Wodka am Tag waren da nichts. So lange er nüchtern war, konnte man sich ganz gut mit ihm unterhalten. Aber sobald er einen im Tee hatte, ging nichts mehr. Dann wurde er laut und ausfallend.“

„Er hat eine sehr kurze Zündschnur, wenn er betrunken ist“

Das deckt sich mit der Aussage einer stundenweise „Im Böh“ tätigen Sozialpädagogin, die schon häufiger verbalen Aggressionsausbrüche ausgesetzt war: „Er hat eine sehr kurze Zündschnur, wenn er betrunken ist und etwas nicht nach seiner Nase läuft.“ So sei er auch am Morgen des Tattages im Juni letzten Jahren mit zwei Steinen unterwegs gewesen, um einem anderen Bewohner „aufs Maul zu hauen.“

Auch die gegen Mittag in der Unterkunft eintreffende Polizei erlebte den 47-Jährigen nach den Aussagen mehrerer Beamter als „alkoholisiert und aggressiv.“ Er habe die Tat zunächst abgestritten, dann aber mit den Worten „Ich bin Pyromane und krank“ gestanden.

20 Einträge im Bundeszentralregister

Die durch die ausbleibenden Zeugen freigewordene Zeit nutzte die Vorsitzende Richterin Silja Precht, um anhand umfangreicher Gerichtsakten etwas Licht in die langjährige kriminelle Vergangenheit des Angeklagten zu bringen, die insgesamt 20 Einträge im Bundeszentralregister umfasst und sich als unheilvolle Odyssee durch verschiedene Institutionen des sogenannten Maßregelvollzugs für psychisch kranke oder suchtkranke Straftäter darstellt.

Nach seiner letzten Verurteilung zu einer fünfjährigen Haftstrafe wegen besonders schwerer Brandstiftung im Jahre 2012 durchlief der in Thüringen als Sohn eines alkoholkranken Vaters aufgewachsene, gelernte Schlosser mehrere Therapieversuche, die letztendlich alle scheiterten und schließlich mit der Diagnose „Behandlungsunfähig“ endeten. Der Prozess wird am 14. Januar um 9.30 Uhr am Landgericht Lüneburg fortgesetzt.

VON MARKUS KIEPPE

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