wellcome-Mitarbeitern betreut erstmals Familie mit fünf Kindern

„Wunderbare Entlastung“

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Uelzen/Seedorf.

Am Anfang stand die Frage, die sich wohl viele Mütter stellen, die gerade Familiennachwuchs bekommen haben und überlegen, ob sie das Angebot von wellcome mit seinen ehrenamtlichen Helferinnen in Anspruch nehmen sollen: „Brauchst du das eigentlich?“ Auch Christine Kuke aus Seedorf hatte sich diese Frage gestellt. Denn als ihre Hebamme sie nach der Geburt ihres Sohnes Armin, dem vierten Kind der Familie, auf das wellcome-Angebot aufmerksam gemacht hatte, war der Gedanke schon verlockend: Während das Neugeborene gut versorgt ist, einfach mal schlafen, sich selber etwas Gutes tun oder Zeit mit den älteren Geschwistern des Neuankömmlings verbringen. „Ich habe dann zu Andrea Burmester Kontakt aufgenommen“, sagt Christine Kuke.

Andrea Burmester ist eine von zehn ehrenamtlich tätigen Frauen, die für das wellcome-Projekt im Landkreis Uelzen im Einsatz sind. Sehr zum Leidwesen von Koordinatorin Renate Niesel-von Nordheim ist sie im Nordkreis die Einzige. „Da könnten wir noch mehr Ehrenamtliche gebrauchen“, wünscht sich Niesel-von Nordheim – schon allein um Andrea Burmester auch zu entlasten. Denn die 51-Jährige ist zeitweise für zwei Familien parallel im Einsatz und musste auch schon Anfragen von Familien absagen.

Bei den Kukes war sie dann aber gleich nach der Geburt des kleinen Armin zur Stelle. Und als kurz darauf noch Sprössling Holger, der Fünfte im Kinderbunde der Kukes, das Licht der Welt erblickte, war das Engagement von Andrea Burmester fast schon ein Selbstgänger.

„Es ist eine wunderbare Entlastung“, sagt Christine Kuke. Die 34-jährige Mutter konnte sich um ihre „Großen“ kümmern, während „Frau Humiba“, wie das drittälteste Kind der Familie, Willem, Andrea Burmester nennt, sich um die beiden Kleinsten sorgte. Mit ihrer Ältesten, der zwölfjährigen Geertje, konnte Christine Kuke mal einen Mutter-Tochter-Nachmittag bei heißer Schokolade und Bowling machen, mit dem ein Jahr jüngeren Hinrich einfach mal den Hafen besichtigen. „Und manchmal“, gibt die junge Mutter zu, „habe ich mich einfach auch nur hingelegt und geschlafen – und mich dafür geschämt.“

Andrea Burmester und Renate Niesel-von Nordheim kennen das aus Gesprächen mit anderen Müttern, die sich durch das wellcome-Projekt persönliche Freiräume verschaffen. Auch mal fürs Nichtstun. „Das ist vollkommen in Ordnung“, betonen sie. Erst recht, wenn man fünf Kinder hat, die alle ihre individuellen Ansprüche an die Mutter stellen. Sieben Tage die Woche, 24 Stunden am Tag.

Eine Familie mit fünf Kindern hat Andrea Burmester in den fast fünf Jahren ihrer ehrenamtlichen Arbeit noch nicht betreut. Aber gelassen ist sie bei einem Kind genauso wie bei fünfen. Während über ihr einer der Knirpse im Kirschbaum herumturnt, ein anderer gerade einen Luftballon bedrohlich prall mit Wasser füllt und der einjährige Holger an ihrem Hals hängt, erzählt sie ganz ruhig, dass sie ja einfach „nur da“ sei.

„Ich setze mich einfach nur hin und irgendwann bestimmen die Kinder dann die Situation“, sagt Andrea Burmester, die selbst Mutter zweier Kinder ist. Während sie woanders mit ihrem Bastelkoffer und Gitarre anrückt, um die Kinder zu beschäftigen, ist es bei den Kukes ganz anders: „Hier werde eher ich bespaßt“, lacht Andrea Burmester. „Die Kinder dürfen sich hier sehr ausprobieren“, sagt sie mit Blick auf die übermütig herumtobenden Kuke-Sprösslinge, die auch mal gewagte Kletterpartien bestreiten, beherzt mit Hammer und Nagel Bretterbuden bauen oder mit dem Fahrrad umher flitzen und – auf die Nase fallen. „Manchmal muss man da schon weggucken“, lachte Andrea Burmester.

Die 51-Jährige fängt das auf, was im Familienalltag zwangsläufig mal hinten an stehen muss. „Wenn ich da bin, wird zum Beispiel gern mal die Chance genutzt, sich herumtragen zu lassen“, schmunzelt Andrea Burmester. Doch sie kann auch anders. Wenn es sein müsse, könne sie auch ein Machtwort sprechen, sagt sie bestimmt.

Ob mit fünf Kindern oder mit einem Kind – „es ist immer in Ordnung, sich Hilfe und Unterstützung zu holen“, sagt Renate Niesel-von Nordheim und entkräftet eine Sorge, mit der sie ständig konfrontiert werde, auf der Stelle: „Und deswegen ist man sozial nicht schwach oder bedürftig.“ Gerade in sehr gut aufgestellten Familien seien die Ansprüche an Kindererziehung und an sich selbst enorm hoch, weiß Renate Niesel-von Nordheim. Und die Zeit nach der Geburt des ersten Kindes sei für jede Mutter sehr anstrengend. Christine Kuke bestätigt das: „Man fragt sich irgendwann nur noch: Wann macht das Kind endlich Mittagsschlaf? Ich will auch...“

Und für Ehrenamtliche wie Andrea Burmester ist ihr Einsatz nicht nur Aufgabe, sondern auch Bereicherung. „Diese Kinder begleiten zu dürfen, ist wunderbar. Das Leben besteht ja auch aus Begegnungen“, sagt die 51-Jährige.

Mütter müssten heutzutage viel mehr lernen zu delegieren, findet Renate Niesel-von Nordheim. „Manche spüren zwar, dass ihnen eine Entlastung gut täte, aber sie wissen nicht wie.“ Bevor eine wellcome-Mitarbeiterin in die Familien gehe, werde deshalb schon im Vorfeld der eine oder andere Gedankenanstoß gegeben: Wo kann eine Ehrenamtliche unterstützen? Was kommt zu kurz?

Eines sei immer von vornherein klar: „Eine wellcome-Mitarbeiterin ist kein Kindermädchen, das den Haushalt mit erledigt“, betont Renate Niesel-von Nordheim. „Sie kommt nicht in eine Familie und sagt dort, wo es lang geht und wie etwas richtig wäre. Es ist eher so, dass dort jemand ist in Form von moderner Nachbarschaftshilfe.“

Von Ines Bräutigam

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