Wort zum Sonntag

Besser als Tipp-ex

„Na, was gibt’s Neues?“, begrüßt mich Hannes, als wir uns mal wieder auf ein Bier treffen. Auf die Frage weiß ich immer nicht so recht zu antworten. Doch dann fällt mir ein: „Neulich habe ich eine nette Geschichte gehört.

Da haben sie in der Nähe eine Kirche renoviert. Und dabei wollten sie auch die Steinplatte über dem Eingang wieder ordentlich herrichten. Die Platte mit einem Bibelvers und Baujahr. Und als sie die reinigen wollen, merken sie, dass die gleiche Platte noch einmal darunter ist – das heißt: fast die gleiche Platte, denn sie hatte einen Fehler im Text. Der Steinmetz hatte sich – im wahrsten Sinn des Wortes – ,verhauen‘, als er den Text in den Stein meißelte. Austauschen konnten sie den Stein wohl nicht mehr, also setzte er eine neue Platte ohne Fehler darüber.“„Klasse“, lacht Hannes. „Tipp-ex auf mittelalterlich.“ – „Na, so alt ist diese Kirche noch nicht.“ – „Aber immer das Gleiche“, überlegt Hannes weiter. „Da macht einer ‘nen Fehler und versucht, ihn zu vertuschen.“ – „Zu korrigieren“, werfe ich ein. – „Zu vertuschen, weil er nicht zu korrigieren ist. Probier ich doch selber immer wieder. Da habe ich Blödsinn gemacht, mich falsch verhalten und versuche, es zu übertünchen, damit es keiner merkt. Und dann habe ich Angst, dass die Farbe bröckelt und der Fehler wieder sichtbar wird.“ – „Es gibt sicherlich manchen Fehler, den man nicht ungeschehen machen kann. Und für den ich mich auch bei keinem Menschen entschuldigen kann“, sage ich. „Aber was ich wirklich bereue, das verspricht Gott, mir zu vergeben. So ist sich zum Beispiel der Mensch sicher, der im Psalm 130 sagt: ,Bei dir ist die Vergebung’. Daran erinnert auch der Reformationstag in dieser Woche. Gottes Vergebung macht meinen Fehler nicht ungeschehen. Aber sie macht es mir möglich, zu meinen Fehlern zu stehen und offen mit ihnen zu leben – ohne sie zu übermalen.“ Hannes lacht: „Das wusste wohl auch der Steinmetz, der den Spruch in den Stein über unserer Kirchentür gemeißelt hat. Er ließ seinen Schreibfehler offen sichtbar.“

Uwe Mestmäcker ist Pastor der Kirchengemeinde Rosche

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