Wort zum Sonntag

Wieder-gut-Machung

Wir sitzen uns nun schon eine ganze Zeit schweigend gegenüber. Ich grübele mal wieder über einen Satz von Paulus nach. Und Hannes – keine Ahnung, was den beschäftigt. „Gott erweist seine Liebe zu uns darin, daß Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren“, lese ich laut. „Versteh’ ich nich’“, brummt Hannes. – „Was?,“ frage ich. „Den Satz?“ Und er: „Den auch nich’.

Uwe Mestmäcker

Nein, meine Tochter.“ Als ich ihn auffordernd ansehe, redet er weiter: „Du kennst doch meine Kinozeitschriften.“ – „Die, über die sich deine Frau immer aufregt, weil sie überall herumliegen?“ – „Tun sie ja gar nicht. Aber ich sammele sie eben, seit sie herausgekommen sind. Und gut 30 Jahrgänge, das sind schon einige.“ – „Und?“ – „Gestern wollte ich mal wieder in ein paar alten Heften ‘rumstöbern. Als ich das erste Heft aufschlage, da dachte ich, mich trifft der Schlag: Alles in Fetzen!“ – „Wie: Alles in Fetzen?“ – „Das Heft. Innen. Löcher in fast jeder Seite. Ich muss etwas laut gewesen sein, denn plötzlich stürzte meine Tochter aus ihrem Zimmer.

Als ich das Heft hochhielt, drehte sich um und kam einen Augenblick später mit einer großen Pappe zurück. Stolz präsentierte sie mir eine Collage aus hunderten von Filmszenen und Schauspielerköpfen. Meine Reaktion war wohl anders, als sie es erwartet hatte. Seit dem ist sie mir aus dem Weg gegangen.“ „Nun bring dich doch mal nicht so auf“, versuche ich Hannes zu beruhigen, der mit hochrotem Kopf nach Luft schnappt. „Du kriegst doch jeden Monat eine neue Zeitschrift.“ – „Nu’ werd’ ma’ nich’ komisch!“, blafft er mich an. „Das kann sie gar nicht wiedergutmachen!“ – „Das ist ja vielleicht ein etwas heftiges Wort für ein paar angekratzte Jugenderinnerungen.“

Und während ich versuche, Hannes zu beruhigen, fällt mir etwas ein: „Ist dir eigentlich schon ‘mal was passiert, wobei du wusstest, dass du es wirklich nicht wieder gut machen kannst?“ – „Oh, ja. Da war mal ein ganz böses Ding mit meinem Vater. Da konnte ich nichts mehr geradebiegen.“ – „Und? Seitdem ist Funkstille zwischen euch?“ – „Ne. Is’ alles wieder in Ordnung.“ – „Aber du konntest es doch nicht wieder gut machen.“ – „Habe ich auch nicht. Mein Vater ist auf mich zugekommen und hat gesagt, alles sei wieder gut.“ – „Und warum?“ – Er überlegt einen Moment. „Weil er mich lieb hat!“ Er lacht: „Jetzt versteh’ ich.“ – „Deine Tochter?“ – „Nein, deinen Satz da von Paulus.“

Uwe Mestmäcker ist Pastor der Ev.-luth. Kirchengemeinde Rosche.

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