Das Wort zum Sonntag

Etwas zum Festhalten

„Glauben können müsste man – das scheint einem Halt zu geben“, so höre ich manchmal von Menschen, die sich eher als unreligiös einschätzen. Es ist eine fremde Welt, unendlich weit weg von ihrer Lebenswirklichkeit. Aber es spricht Sehnsucht aus einem solchen Satz.

Es scheint gut zu sein, etwas zum Festhalten zu haben in der Ungewissheit des Lebens. Glauben macht stark und fest. Das ist die Erwartung.

Im Zivildienst im Seniorenheim kam ich jeden Tag zum Mittagessen in die Küche. Eines Tages fehlte jemand. Es war eine junge, sehr nette und fröhliche Frau. Sie arbeitete in der Küche und war mit ihrem ansteckenden Lachen sehr beliebt bei allen. An diesem Morgen war sie auf dem Weg zur Arbeit mit ihrem Auto gegen einen Baum geprallt. Sie war sofort tot. Ihr Vater arbeitete ebenfalls in diesem Seniorenheim. Als ich mit ihm nach dem schrecklichen Ereignis sprach, wirkte er ungewöhnlich gefasst. Er sagte mir, er sei traurig. Aber sie alle in der Familie glaubten an Jesus Christus. Sie hofften auf die Auferstehung und auf ein Leben bei Gott – so wüssten sie ihre Tochter in guten Händen. Mich hat die Reaktion beeindruckt, wie dieser Mann mit dem schrecklichen Verlust umging. Aber es irritierte mich zugleich, weil es hart wie ein Fels wirkte. Ich fragte mich, wo er selbst als Vater in diesen Worten vorkam mit seinem Schock, mit seinem Schmerz, mit seinen Zweifeln – einfach mit seiner Menschlichkeit. In Psalm 31 taucht dieses Bild von dem harten Fels auf. Es ist der Wunsch nach etwas zum Festhalten: „Sei mir ein starker Fels!“ Gott ist mit diesem Fels gemeint. Aber der Mensch, der diese Bitte in Psalm 31 äußert, ist selbst alles andere als fest und stark. Er wird hin und her gerissen von starken Gefühlen. Angst und Vertrauen streiten in ihm. Er fühlt sich unendlich müde, zermürbt von Anfeindungen, einsam. Für mich ist das ein Beispiel dafür, wie man menschlich glauben kann – mit aller Widersprüchlichkeit, allen Zweifeln und Ungewissheiten, die wir in diesem Leben niemals ganz überwinden können. Es genügt, dass Gott wie ein Fels ist – fest, verlässlich, barmherzig. Das spüren wir am deutlichsten gerade dann, wenn wir mitten im Zittern und Zweifeln erfahren, dass wir getragen werden. Dass da jemand ist, der an uns festhält.

Martin Hinrichs ist Pastor der Evangelisch-reformierten Kirchengemeinde Lüneburg-Uelzen.

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