Das Wort zum Sonntag von Johannes Dieckow

Du, meine Seele, singe

„Du, meine Seele, singe, wohlauf und singe schön“, heißt es in einem Kirchenlied. Wie geht das? Kann eine Seele singen? Atemluft durchströmt den Körper und bringt die Stimmbänder zum Vibrieren.

Der Klang, der durch diese Schwingung entsteht, bekommt im Körper eine Resonanz und wird so verstärkt. Es entsteht ein Ton. So ungefähr könnte man im physikalischen Sinn beschreiben, was beim Singen geschieht. . . . . Aber das ist nicht gemeint. In dem Lied heißt es: Du, meine Seele, singe. Paul Gerhardt, der das Lied 1653 dichtete, meinte also, dass die Seele singen möge, nicht die Stimmbänder. Wie kann man sich das vorstellen. In meiner Zeit als Pastor in Soltau betreute ich eine Gruppe geistig behinderter Menschen. Menschen aus fast allen Altersstufen – von Konfirmanden bis zu Älteren – trafen sich dort einmal im Monat, um zu kreativ zu arbeiten, Geschichten zu hören und zu singen. Einmal wollte ich ein Lied anstimmen und sagte, wir müssten jetzt alle mal den Mund halten, damit wir dann zusammen singen können. . . . . Prompt fiel Uwe mir ins Wort und protestierte: „Pastor Johannes, aber singen machen wir doch nicht mit dem Mund. Singen machen wir mit den Händen und mit den Füßen!“ So war es. Wenn die behinderten Menschen sangen, dann hielten sie nicht still. Sie klatschten, stampften mit den Füßen, gingen durch den Raum, tanzten, hüpften, weinten und lachten, so dass es für mich nicht einfach war den Überblick zu behalten. Was können wir von ihnen lernen? – Du meine Seele singe. . . . . Noch etwas habe ich zu erzählen: Kurz bevor meine Großmutter starb, besuchte ich sie im Pflegeheim. Ich weiß nicht, ob sie meinen Besuch und das, was ich sagte, wahrnahm. Sie war schon sehr schwach. Auf ihrem Nachtschrank stand ein Holzengel aus dem Erzgebirge mit zwei ausgestreckten Armen. In jedem Arm hielt er eine Kerze. Ich zündete die Kerzen an und hielt den Leuchter vor ihr Gesicht. Ich spürte, wie sie die Wärme und das Licht wahrnahm. . . . . . Wie aus einer Eingebung heraus begann ich zu singen: „Nun danket alle Gott mit Herzen, Mund und Händen, der große Dinge tut an uns und allen Enden, der uns von Mutterleib und Kindesbeinen an unzählig viel zu gut bis hierher hat getan. “ Auch wenn ihre Lippen sich kaum bewegten und kein Ton zu hören war, spürte ich, wie meine Großmutter mit mir zusammen sang. . . . . . Das war für uns einer der schönsten Momente, die wir miteinander hatten. Ich glaube, dass nur wenige Dinge in den Herzen der Menschen so fest verankert sind, wie Gedichte und Lieder, die wir einmal auswendig gelernt haben. . . . . Paul Gerhardt ruft seine Seele zum Singen auf. Vielleicht ist unsere Seele ja wie die Saite eines Musikinstruments. . . . . . . Wenn Gottes Wort sie berührt, dann gerät sie in Schwingung. Und was in Schwingung gerät, erzeugt Klänge. Nur eine erstarrte Seele, die sich nicht in Bewegung setzen lässt, bleibt stumm. Denn ohne Schwingung gibt es keinen Klang. Auch in der Seele. Geben Sie ihrer Seele also die Freiheit zu klingen! Für diesen Sonntag wünsche ich Ihnen viele Klänge.

 

Johannes Dieckow ist Pastor der Dreikönigs-Kirchengemeinde in Bad Bevensen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare