Wort zum Sonntag

Recht ohne Rechthaberei

„Gott, schaffe mir Recht!“ – dieser Vers aus Psalm 43,1 steht als Thema über dem Sonntag Judika. Der Psalm ist aus dem Blickwinkel eines Verfolgten geschrieben. Menschen stellen ihm nach, wollen ihm Böses. Jesus auf dem Weg zum Kreuz könnte so beten. Gott sei Dank leben wir in einem Land, in dem jeder Mensch seine Meinung äußern kann, ohne verfolgt zu werden.

Martin Hinrichs

Für uns stellt sich wohl eher die Herausforderung, wie Gott uns Recht schaffen kann, und wie wir gleichzeitig andere Überzeugungen stehen lassen können. Recht erleben ohne Rechthaberei. Manchmal scheint es, dass Christen die bloße Anwesenheit von esoterischen Büchern in Buchhandlungen ärgert, als wenn sie eine Bedrohung für den eigenen Glauben darstellen. Agnostiker stören sich an religiösen Praktiken wie der Beschneidung von Jungen in der jüdischen und muslimischen Tradition. Andere Glaubensweisen reiben sich an der Freizügigkeit unserer Gesellschaftsform. Was oft fehlt, sind Verständnis, Einfühlungsvermögen und vor allem Gelassenheit. Dafür müsste jede Glaubensauffassung in ihren Traditionen nach Quellen suchen. Im Neuen Testament könnte man z. B. die Haltung des Paulus bedenken: „So haben wir doch nur einen Gott, den Vater, von dem alle Dinge sind und wir zu ihm; und einen Herrn, Jesus Christus, durch den alle Dinge sind und wir durch ihn.“ (1 Kor 8, 6). Wie kann ausgerechnet ein Satz mit einem solchen Wahrheitsanspruch helfen, andere Überzeugungen darin zu akzeptieren, dass es sie gibt? Indem man diesen Satz ernst nimmt. Wenn von Gott wirklich alle Dinge sind, braucht man keine Angst vor fremden Überzeugungen zu haben. Man muss darum noch lange nicht alles für richtig halten. Aber man kann auf Augenhöhe und in Ruhe miteinander ins Gespräch kommen. Vielleicht kann mir mein eigener Gott sogar einmal etwas Richtiges durch jemanden mitteilen, dessen Glaube ich vollkommen falsch finde. Es wäre ein unerwarteter Weg, auf dem uns Gott Recht schafft. Das setzt eine Haltung voraus, die auch sich selbst gelassen gegenüber tritt. In den Worten des Paulus: „Wenn jemand meint, er habe etwas erkannt, der hat noch nicht erkannt, wie man erkennen soll. Wenn aber jemand Gott liebt, der ist von ihm erkannt“ (1 Kor 8, 2f.).

Von Martin Hinrichs

Martin Hinrichs ist Pastor der Ev.-ref. Kirchengemeinde Lüneburg-Uelzen.

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