Das Wort zum Karfreitag von Susanne Hallwaß

Das schwarze Loch

Und in der sechsten Stunde kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde; und in der neunten Stunde schrie Jesus mit lauter Stimme: „Eloi, Eloi, lema sabachthani?“ Was übersetzt heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? (Mk 15,33f. ).

Eben noch glitzert die Sonne auf den Teich und die Bedienung serviert den ersten Latte Macchiato im Freien. Im Kinderwagen juchzt das Kind und die Frauen am Nachbartisch drehen den Kopf.

Eben noch dreht sich alles um den Geschäftstermin am Vormittag: Akten, Telefonanrufe, Mails und Sitzungen.

Eben noch freut sich die Oma auf den Besuch der Enkelkinder, kauft Schokoriegel und Ostereier, formt Osternester aus Moos und behängt den Forsythienstrauch mit Eiern.

Eben noch… scheint die Sonne. Doch in der sechsten Stunde kommt die Finsternis.

Ein Anruf, ein Krankheitsbefund, eine Todesnachricht – und mitten am Tag wird es finster.

Gegen diese Finsternis kommt kein Sonnenstrahl, kein Kinderlachen und kein Termin mehr an. Was eben noch war, zählt nicht mehr.

Ein kalter Schauer durchzieht den Körper, ein Aufbegehren steigt von innen auf und der Schreck lässt alles Blut erstarren.

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Jesus schreit. Aber da ist keiner der ihm antwortet.

In der Stunde der Finsternis ist jeder alleine. Zwischen der 6. und der 9. Stunde gibt es keinen Trost, und keine Hilfe. Da gibt es nur das schwarze Loch, das es auszuhalten gilt.

Jesus stieß einen lauten Schrei aus und verschied. (Mk 15,37).

Zwischen der sechsten und der neunten Stunde ist Gott tot, gefühlt und geglaubt.

Karfreitag: Damals wie heute.

Susanne Hallwaß, Pastorin in den Kirchengemeinden Barum-Natendorf und Ebstorf

Rubriklistenbild: © Privat

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare