Wort zum Karfreitag

Ein Pyrrhussieg

Kreuzigungen waren ein öffentliches Schauspiel. Sie gehörten zur Performance der Macht im römischen Imperium, genau wie die berühmten Kämpfe mit wilden Tieren. Das Imperium inszenierte seine Überlegenheit über die unterworfenen Völker.

Die Frauen und Männer, die uns von Jesu Tod berichten, erzählen von dieser Funktion der Kreuze. Sie verbinden die Hinrichtung Jesu mit einem Detail aus dem jüdisch-römischen Krieg, der 70 n. Chr. mit der Zerstörung des Tempels in Jerusalem endete. In dem Augenblick, in dem Jesus stirbt, wird aus dem Kriegsgeschehen zitiert.

Dr. Klara Butting

Der Vorhang zerreißt, der im Jerusalemer Tempel den Gottesdienstbereich vom allerheiligsten Bereich Gottes trennte. Die Erzählung erinnert daran, dass Titus, der Oberbefehlshaber der römischen Armeen und spätere Kaiser in Rom, kurz bevor der Tempel in Flammen aufgeht, den Vorhang im Tempel beseitigt hat und in das Allerheiligste eingedrungen ist. Unsere Mütter und Väter im Glauben erzählen, dass es bei Jesu Kreuzigung mehr zu sehen gibt, als den einen, der stirbt. Es geht auch um den Sieg Roms über das jüdische Volk. Es geht um den Sieg Roms über den jüdischen Gott, den der römische Feldherr glaubte, besichtigen zu können, weil er ihn entmachtet hat.

Schließlich geben sie einem Repräsentanten dieser Siegermacht das Wort. Ein römischer Offizier sieht dem sterbenden Jesus zu und muss bekennen, dass dieser Sieg eine Niederlage war. Er sagt: „Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn!“ (Markus 15,39) Die römische Überlegenheit, repräsentiert durch den Gottessohn und Kaiser an der Spitze des Imperiums, hat sich ad absurdum geführt. Die überlegende Humanität der Römer hat mordend zerstört, was ihnen angeblich heilig war: einen Menschen, der Gottes Güte verkörpert. Etwas von diesem Moment habe ich verstanden, nachdem im letzten Jahr in Afghanistan Korane verbrannt worden waren. Ein Erschrecken ging durch unsere Medien. Einige Augenblicke lang war allen deutlich, dass die Werte, für die wir in diesen Krieg gezogen sind, durch uns zerstört werden.

Unsere Mütter und Väter im Glauben erzählen auf diese Weise, was sie im Sterben Jesu gesehen haben: Die Welt der Herren und Kaiser zerfällt, aber verletzliche Menschen mit ihrer unzerstörbaren Würde werden den Streit um diese Erde gewinnen. Denn der Gott, den die Römer besiegen wollten, wird sichtbar – in einem verletzten, verlässlichen Menschen.

Dr. Klara Butting leitet das Zentrum für biblische Spiritualität und gesellschaftliche Verantwortung an der Woltersburger Mühle.

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